Montag, 4. Februar 2013

Missratene Hoffnung

Das Land der Verheißung lag direkt vor ihnen, unbegrenzt und ohne Ende. Und am Horizont die Stadt, die sich wie ein endloser Bergrücken dahinzog. Oder waren es Dörfer, dicht an dicht; so weit entfernt, dass das menschliche Auge sie schon nicht mehr auseinanderhalten konnte? Und dahinter erst die Stadt? Die goldenfunkelnden Kirchenkreuze, die zuweilen wie Funken aufblitzen, ließen erahnen, dass hier etwas Großes begann. Ja, es erschien ihnen, als ob gemünztes Gold frei in der Luft schwebte. Und alles war in eine tiefe Stille getaucht, in der sich selbst das Gezwitscher der Singvögel verlor.
Der Atem stockte Frazer in der Brust und staunend rief er aus: »Mein Gott, diese unermessliche Weite!«
Er fiel seinem Kameraden in die Arme, umfasste ihn und tanzte, gerade weil der Krieg noch in seinem Herzen war. Dann lief er voraus und scheuchte die Vögel am Wege auf. Es gab keinen Stillstand mehr, keine Ruhe. Das Leben konnte nun beginnen. Schon sah er es überall pulsieren. Wie in einer munter klappernden Mühle das Getreide in Mehl verwandelt wird, so würde auch bei ihm aus allen Abfällen und jedem Dreck das bare Geld herausgemahlen werden. Er spürte, wie ihm vor Erregung der Kopf schwirrte. Aus seinen blitzenden Augen sprach eine gewisse unklare Ungeduld, die seine schwärenden und wundenübersäten Beine schneller und  immer schneller vorantrieb, daneben aber auch etwas anderes, eine seltsame, irre Unruhe, die ihn nach jeder gewonnen Schlacht geplagt hatte, genährt aus der Gewissheit, dass der Sieg die nächste Schlacht gebar. Es war lediglich eine Frage der Zeit.
Als er den Berg hinunterstürmte, als ob es um sein Leben ging, überfielen ihn alte Kindheitserinnerungen, undeutlich und verschleiert, aber einen Satz hörte er klar: »Pass auf mein kleiner Frazer, die Gefahr, überfahren zu werden, ist am größten, wenn man gerade eben einem Wagen ausgewichen ist.« Das hatte ihm der Großvater mit auf den Weg gegeben, als Frazer zum ersten Mal allein auf den großen Jahrmarkt im Nachbardorf hatte gehen dürfen.
Dieser Satz ließ ihn jetzt stolpern, wie er glaubte. Er stand auf und fiel abermals. Er lachte über seine Ungeschicklichkeit, aber in Wahrheit war ihm danach, laut zu heulen. Wegen des erbärmlichen Zustandes seiner Uniform, wegen der Wunden an seinen Beinen, aber vor allem, weil die Welt, das Leben ihm auf einmal unerträglich vorkam.

Montag, 21. Januar 2013

Aura


Für Sophie war jeder Mensch mehr als das, was man gemeinhin sah. Jeden umgab eine Aura, - die aber nicht mit irgendeiner besonderen Ausstrahlung an einem bestimmten Punkt seines Lebens zu verwechseln war, die ihn umgrenzte, sondern die ständig um ihn herum war und sich stetig ausweitete. So etwas wie seine materialisierte Geschichte. Denn je älter der Einzelne wurde, um so stärker, um so größer wurde sie. Zu ihrem Bedauern konnten das nur wenige erkennen.
»Was wir auch immer unser Eigen nennen, hat auf eine magische Weise an uns teil«, pflegte sie gleich zu Beginn ihrer Bankseminare zu sagen, obwohl sie wusste, dass vier der zehn Manager daraufhin ihren Sachen einpacken und den Raum verlassen würden.
Trotz des Radaus, den die Banker aus Protest dabei machten, fuhr sie jedes Mal unbeirrt fort. »Selbst unsere abgeschnittenen Haare und Nägel bleiben weiterhin mit unserem Wesen verbunden«, sagte sie lächelnd, aber mit leicht zitternder Stimme, und dachte dabei an Geld, das auch mehr war, als das, was man gemeinhin sah, das sie aber hier nicht ansprechen würde, obwohl sie es müsste.
»Dinge, mit denen wir irgendwann einmal in Berührung gekommen sind, sind von unserer Persönlichkeit durchtränkt; auch unser Name gehört ebenso zu uns wie irgendein Körperglied.«
Spätestens jetzt standen meist zwei weitere Manager auf. Sie aber, ein Fels in der Brandung, trieb es weiter.
»Aber auch Dinge«, sagte sie jetzt sicherer, »mit denen wir persönlich nie näher zu tun gehabt haben, sind mit unserem Wesen verkettet.«
Jetzt ging sie meist zu einem der vier zurückgebliebenen Teilnehmer, ganz nahe, dass sie sein Rasierwasser riechen konnte, das bald seinem Angstschweiß Platz machen würde. »Eine Fotografie zum Beispiel«, sagte sie dann und blickte ihm tief in die Augen, »die Sie darstellt, ist aufs Engste mit Ihnen verflochten, denn ihre magische Spannung strömt in Ihr Porträt oder Ihr Standbild ein.«
Sie drehte sich um und starrte auf die Wand. »Es ist doch allgemein bekannt, wie ungern primitive und einfache Menschen sich fotografieren lassen: Sie empfinden Furcht davor, ein Stück ihrer selbst in den Händen von Fremden zu lassen.«
Hier machte sie jedes Mal eine Pause und ging zu ihrer Tasche, um den Fotoapparat hervorzukramen. Dann drehte sie sich wieder um, die Kamera wie eine Pistole auf ihn gerichtet. »Sie haben doch nichts dagegen?«

Montag, 17. Dezember 2012

Grabenkämpfe

Um der Eintönigkeit der Schreibstube zu entfliehen, war er seinen wieder zum Leben erwachten Trieben nach Expansion gefolgt, wie übrigens alle Männer seiner unmittelbaren Umgebung und seines Alters, und hatte sich an die Front gemeldet. Jetzt musste er nicht mehr zweifeln, ob er den richtigen Beruf, die richtige Frau oder das richtige Leben erwählt hatte und die entsprechenden Anforderungen erfüllte. Der Krieg hatte diese Unsicherheiten, diesen inneren Widerstreit erstickt und durch solche Dinge wie Gehorsam und Disziplin abgelöst, denen er sich freiwillig, ja sogar mir Hurra-Geschrei unterworfen hatte.
Am Anfang hatte freilich sein übermenschlicher Hass gestanden, sein Hass gegen den Erbfeind Frankreich, dem er es wieder einmal so richtig hatte zeigen wollen. - Hass war aber eigentlich gar kein Ausdruck gewesen für das, was er damals empfand.
»Das Wort das meine Gefühle gegen die verweichlichten Franzosen bezeichnet«, erklärte er dem Amtsleiter bei seinem Abschied, während er seine Ärmelschoner abstreifte, »muss erst noch erfunden werden. Ich hasse sie, genau genommen, auch gar nicht. Ich hasse ihr Blut. Verstehen Sie das? Ich wittere ein degeneriertes Tier, wenn auch nur ein Tropfen von seinem Blut in den Adern eines Menschen fließt, und -« er biss die Zähne zusammen, »das kommt zuweilen vor.« Unfähig weiterzusprechen vor Aufregung, lief er ans Fenster, um die kriegsbegeisterten Massen unten auf der Straße zu beobachten, wie sie vor Glück taumelnd riesige bunte Banner vor sich hertrugen, auf denen all das stand, was er schon immer zu glauben meinte.
Er öffnete das Fenster und breitete seine Arme dem strahlenden, aber luftigen Sommertag entgegen, dessen spröder Hauch zu ihm drang, den Duft des Heldenmutes und der fernen, mit dem Tode ringenden Feindesmacht herübertragend. Er schien den Sieg förmlich zu riechen.
»Wir frühstücken morgen in Paris«, schrie er überwältigt nach draußen. »Paris! Paris! Wir fahren nach Paris!« Der Krieg würde nicht lange dauern.
Nach mehr als dreizehn Monaten witterte er ihn nicht mehr, diesen betörenden Duft des Sieges. Stattdessen roch er den Gestank der im Niemandsland verwesenden Leichen, vor allem aber den strengen Geruch von Pisse und menschlichen Exkrementen, der hinter dem befestigten Schützengraben zwischen den dicken Wurzeln und den buschigen Stämmen der Eiben aufstieg, dort wo die Feldlatrinen waren, die man so eingerichtet hatte, dass eine große Anzahl von Mannschaften in den Gefechtspausen nebeneinander hocken konnten. Da keine Trennwände vorhanden waren, wurde hier der Geselligkeit gefrönt und alles be- und zerredet, was man je gehört hatte. So entstanden die berühmten Latrinenparolen, Gerüchte und Geschichten aus einer anderen Welt. Am meisten hatten es ihm die Aphorismen angetan, die zum Besten gegeben wurden, während man die Lageberichte herumreichte, die man als Toilettenpapier benutzte. Ein Spruch würde er nie vergessen: Das Schöne ist nur des Schrecklichen Anfang.

Sonntag, 7. Oktober 2012

Drei Minuten - höchstens

Christoph sah sie an, wie er sie immer ansah, wenn er sie wollte, und zog sie an sich. Seine Hände befühlten ihre Gesicht, ihren Hals, ihre Kehle, während sie, ohne sich aufzurichten, ihren Büstenhalter öffnete.
Was war sie in diesem Augenblick für ihn? Seine Frau? Seine Hure?  Er brauchte sie, das spürte sie. Auf diese Weise ließ er den Tod hinter sich, vielleicht auch seine Dummheit. 
Er kam zu ihr, ohne ein Wort, und seine vermeintlichen Zärtlichkeiten, die sich lediglich auf den Bereich um ihre Brustwarzen beschränkten, forderten etwas. Doch was?
Sie ließ ihr neues, kurzes Kleid allmählich hinabgleiten, ohne sich aufzurichten - eine peristaltische Bewegung, als ob sich ihre Körperteile nacheinander zusammenzögen -,  und spreizte bereitwillig ihre Beine, als sie spürte, dass sein steifes Glied hartnäckig versuchte, in sie einzudringen.
Während er sie fickte, so bezeichnete er das, was er gerade tat, dachte sie an Julian, der dieses Wort niemals in den Mund nehmen würde. Julian sprach immer davon, dass er sie im Fleische erkannte. - Sich im Fleisch zu erkennen, eine etwas seltsame Bezeichnung für das ewige Spiel. Aber es war ein anderes Spiel, das sie mit ihm spielte, ein vielfältiges, zärtliches. Das eigentlich Seltsame daran war, dass diese Worte das Spiel veränderten. 
Sie spürte noch immer Julians weiche Zunge in ihrem Mund, ein Gefühl, etwas Besonderes, nein, sich selbst zu sein. In ihren Gedanken ließ sie sich von ihm umfangen, sich suchen, ihre Haut wieder und wieder entdecken, ihren Bauch, ihr Scham. Auf einmal konnte sie kaum noch atmen und keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ihr Herz raste, als wollte es zerspringen, sie bekam kaum Luft.
»Ich liebe dich. Ich liebe dich«, flüsterte Christoph. Das war die Geschichte, die er ihr immer wieder erzählte, vom Stöhnen unterbrochen, als sei es eine schwer zu tragende Last: »Ich liebe dich.«
Es endete, wie es begonnen hatte. Sie spürte, dass er kurz vor dem Höhepunkt war. Sie musste  hier unbedingt haltmachen. Noch ein Schritt weiter und es gäbe kein Zurück mehr. Doch sie wies ihn nicht zurück und wartet mit angespanntem Körper, klanglos seufzend, darauf, dass er endlich kam. Es dauerte immer drei Minuten, höchstens. 
Sein Rausch war verflogen, und sie fühlte, wie sein Glied erschlaffte, sich entzog, sich verkleinerte, als schämte es sich für den ganzen Mann. Vielleicht auch über sie?

Freitag, 31. August 2012

Selbstbefleckung

Ihre Todfeinde waren die Lohnkutscher, und es schien, als ob sie im Rad ihren Untergang witterten. Hohnlachend fuhren sie direkt in die drei radelnden Frauen hinein, so dass meist eine von ihnen im Straßengraben landete, sehr zum Leidwesen der braven Kühe, die an der Straße oder am Feldweg grasten. Oder sie schlugen mit der Peitsche nach ihnen und trafen leider oft genug. Die Kinder hatten, von den Großen angestiftet, ganze Batterien von Lehmklumpen und Schmutzlappen aufgehäuft, um sie damit möglichst gründlich zu bombardieren. Auch die Hunde verfolgten sie bis zum Ende des Dorfes, von boshaften Menschen gehetzt, und schnappten so lange nach ihren Waden, bis sie von den Speichen der Räder oder von der Peitsche, die eine der drei Frauen vorsorglich in ihre Manteltasche gesteckt hatte, eines Besseren belehrt wurden. 
Aber das war für Maria noch lange nicht das Schlimmste. Eine Frau auf dem Rad! - Grinsend standen sie da in Stadt und Land, sahen ihr nach, und überschütteten sie mit höhnischen Redensarten, gemeinen Schimpfworten, wenn nicht noch Schlimmerem, das sie trotz ihres Alters vor Scham erröten ließ. Ihre Verwandten sagten ihr die Fehde an, wenn sie das Radfahren nicht ließe. Selbst ihr Mann enthielt sich nicht beleidigender Reden, besonders hinsichtlich der Selbstbefleckung.
»Es kann keinem Zweifel unterliegen«, sagte er von Medizinalrat Röver belehrt, »dass kaum eine Gelegenheit zu vielfacher und unauffälliger Masturbation so geeignet ist, wie sie sich beim Radfahren darbietet. Wenn man ganz absieht von denjenigen Fällen, in denen der Sattel in ganz besonderer Absicht mit einem nach oben gekrümmten Vorderteil versehen wird, so bietet auch sonst der Sitz rittlings mit ausgespreizten Schenkeln und vornübergeneigter Haltung, ausreichend Möglichkeit, solchem Hange nachzugeben. Sieh dir doch die radelnden Mädchen an! Sie sind zuweilen schon äußerlich in ihrem ganzen Auftreten auffällig:  blass, mit müdem Gesichtsausdruck, dunkel umrandeten, matten Augen, träge in ihren Bewegungen, lieben sie es recht lange im Bett zu bleiben.«
Maria verzichtet auf den Verkehr mit ihm und blieb ihrem Rad treu.  All dieser Ärger und schließlich der Umstand, dass sie durch Einspänner wiederholt in Lebensgefahr geriet, was sie niemandem erzählen durfte, ohne einen ganzen Sprichwörterschatz, wie ›Wenn dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis‹, gegen sich mobil zu machen, hätte sie vielleicht doch bewogen, das Radfahren aufzugeben, wenn nicht ihr Vater sechs Meilen von Bonn krank gelegen hätte.
 Er war immer sehr erfreut darüber, wenn sie auf dem Fahrrad heranrauschte, und einmal ließ er sich sogar ans Fenster tragen, um sie auf dem Rad zu sehen.
»Lass die dummen Menschen reden«, sagte er, »und harre aus! Das Ding hat eine große Zukunft.«

Dienstag, 13. März 2012

Pressekonferenz

Ungeduldig blickte Stefanie auf ihre Uhr. Wann begann nun endlich diese beschissene Pressekonferenz, wozu man sie jetzt, kurz vor ihrem Urlaub, verdonnert hatte, weil Dr. Schöneberg mal wieder eine Schnupfnase hatte, mit der er sich unmöglich vor den Kameras hatte zeigen wollen? Dieser eitle Fatzke! Wozu gab es denn Schminke? Außerdem war sein Platz ja eigentlich nicht davor, sondern dahinter! Aber bei den eigenartigen Fragen, die er manchmal stellte, wusste man nie, ob sich die Kamera eines Kollegen nicht doch auf seinem Gesicht verirren sollte.
Sie überlegte, wie viel Zeit ihr bliebe, um einen einigermaßen annehmbaren Artikel schreiben zu können. Der Flieger ging um neun. Davor musste sie sich noch duschen, umziehen, noch ein paar Sachen einpacken, einchecken... Wenn die Pressekonferenz in ein paar Minuten anfing und wie immer etwa eine halbe Stunde dauerte, dann hätte sie vier Stunden Zeit. Ach, sie musste ja noch Ben anrufen, damit er sich von seinem Computer loseiste. Fünf Minuten dürften für ein Telefonat reichen. Der gute Ben! Wenn er überhaupt so lange telefonieren konnte. Er machte sich vor Aufregung sicher in die Hose: sie mit ihm zwei Wochen auf Sizilien. Wie lange lief er schon hinter ihr her? Drei oder vier Jahre? Oder noch länger? Eigentlich sollte man mit so einem nicht in den Urlaub fahren! Das gab nur Probleme. Außerdem war er ein Programmierer. Gab es etwas Langweiligeres? - Aber mit wem hätte denn sonst fahren sollen?
Der Minister und seine Pressesprecherin betraten den Saal. Es war schon eine Weile her, dass sie einen Politiker aus nächster Nähe gesehen hatte, ihr war das Huschen der Augen entfallen, die rastlose Ausschau nach neuen Zuhörern oder Abweichlern, nach der Nähe einer Persönlichkeit von höherem Rang oder einer wichtigen Gelegenheit, die womöglich ungenutzt verstrich.
Der Typ legt die Frauen reihenweise flach, hatte sie gehört.
Naja, er sah nicht schlecht aus. Das musste sie zugeben. Und er hatte noch nicht einmal so viel Zucht und Ehre im Leib, wie eine Mücke auf dem Schwanz wegführen konnte. Was ihr ebenfalls nicht missfiel.
»Herr Minister«, sagte ihr Kollege vom Stern. »Es heißt, es gebe Kommunikationsprobleme zwischen Ihnen und der Kanzlerin. Können Sie das bestätigen?«
Der Minister lächelte. »Nein«, sagte er lapidar. Er machte eine kleine Pause. Ihr kam es vor, als ob er ihr auf die Brüste blickte. »Außerdem: Was heißt schon Kommunikation. Noch niemals ist soviel von Kommunikation geschwätzt worden wie heute angesichts all dieser Bemühungen, die Einsamkeit zu verwalten und zu organisieren.«
Er war schlagfertig und eloquent, dass musste man ihm lassen. Sie hob den Finger, und dachte dabei an ihre Schulzeit.
»Ja bitte, Frau...«
»Frau Dr. Reiss«, ergänzte die Sprecherin, »vom Spiegel.«
»Herr Minister«, sagte Stefanie und funkelte ihn herausfordernd an, »warum haben Sie gelogen, als sie vor zwei Monaten erklärten, dass Sie noch nie etwas mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden der RWE zu tun gehabt hätten?«
»Ich will Ihre Frage mal philosophisch beantworten«, sagte er halb stichelnd, halb schelmisch, scheinbar in dem Wunsch, nicht gleich mit seinem Gedanken herausplatzen zu müssen. »Die Menschen wollen belogen werden.« Er lächelte.
»Ach«, sagte sie. »Das ist mir aber neu!«
»Tatsächlich?« Er sah sie eine Weile forschend an, schweigend, nachdenklich, als suchte er nach einem richtigen Wort für das, was er sagen wollte. Plötzlich lockerte er seine Krawatte und lehnte sich zurück. »Die Wahrheit ist immer verwickelt«, sagte er, »in allem und vorab in gesellschaftlichen Dingen. Der Wähler begreift aber keine verwickelten Ideen. Man darf ihm nur einfache Ideen, vage Allgemeinplätze vorsetzen, Lügen also, die vielleicht von Wahrheiten herstammen können. Die Welt leitete sich durch Lügen. - Wie glauben Sie, habe ich es so schnell bis ins Bundeskabinett geschafft? – Wer die Welt führen will, muss sie bis zum Delirium belügen und er wird es umso erfolgreicher tun, je mehr er sich selbst belügt und von der Wahrheit der Lüge durchdrungen ist, die er schuf.« Er machte eine Pause. »Ist Ihnen das als Antwort genug?«
Sie nickte. Sie war förmlich überrascht, dass sie nichts mehr sagen konnte. Es wurde Zeit, dass dieses Spektakel hier zu Ende war, damit ihr Urlaub beginnen konnte. Sie dachte wieder an Ben. Wenn sie sich anstrengte, wenn sie ein paar Tage lang nicht mehr an ihre Arbeit dachte, brachte sie es vielleicht doch noch fertig, sich in Ben zu verlieben. Er war ein guter Kerl, aufrichtig, wenn auch ein bisschen einfältig, eine treue Seele eben. Er hatte keine Ahnung, wie es in den Medien zuging. Dass auch sie und gerade sie mit der Lüge umgingen wie die Hardware mit der Software. Ben würde immer zu ihr halten. Bei dem Gedanken überkam sie plötzlich eine tiefe Zuneigung zu sich selbst, als sei sie ein Mensch, den man lieben könnte, und sie spürte, wie ihr eine Träne über den Wangenknochen kullerte. 

Donnerstag, 8. März 2012

Ein überflüssiges Telefonat

Endlich erwachte er, umgeben von den friedlichen Geräuschen des Morgens – der Radiowecker neben dem Bett, wo man gerade eine leise Sonate von Scarlatti spielte, Vogelgezwitscher draußen im Park, das leise Knarren der Kleiderschranktür. Er schob die Bettdecke weg, blieb nackt auf dem Rücken liegen und spürte, wie die leichte Brise, die vom Strand her wehte, den Schweiß auf seiner Brust trocknete. Er dachte daran, wie er gleich den Kaufvertrag für das große, schön gelbe Haus über dem Strand mit dem Blick auf den Ätna und Taormina unterzeichnen würde. Er streckte sich und gähnte. Bis dahin waren es nur noch achtundvierzig Minuten, genug Zeit, um sich zu rasieren und zu duschen. Sein nackter, gebräunter Körper auf dem Laken und der Anblick seiner Erektion ließen ihn an Marcella denken. Er blickte auf die Uhr und überlegte, ob er masturbieren sollte, ob es nützlich wäre, für die anstehende Aufgabe einen klaren Kopf zu haben. Versonnen nahm er seinen Penis in die Hand und fuhr damit ein paar Mal hoch und runter. Er kam sich dabei lächerlich vor und ließ es bleiben. Ob er jetzt seine Frau anrufen sollte? Er betrachtete das Telefon, das auf dem Tischchen neben der bunten Holzkatze stand. Dann fasste er sich ein Herz. Sein Finger betätigte ganz sanft die Wählscheibe. Die Geräusche, die sie machte, erinnerten ihn an das muffige Büro seines Großvaters, an die vielen Stempel auf dem Schreibtisch und die Ärmelschoner, die unbenutzt neben dem kristallenen Briefbeschwerer lagen.
»Hallo«, hörte er sie plötzlich am Ende der Leitung sagen.
»Guten Morgen, mein Schatz!«, sagte er und spürte, wie sein Penis schrumpfte.
»Guten Morgen, Viktor«, sagte sie. Ihre Stimme klang abgekühlt. »Schön, dass du anrufst.«
»Bist du mir nicht mehr böse?«
»Nein. Woher denn? Du weißt ja... vor meinen Tagen bin ich immer etwas gereizt. Und du... du hast so viel um die Ohren. Überhaupt: Was macht denn der Hauskauf.«
Er erzählte ihr, dass er gleich den Vertrag unterschreiben würde und drückte sein Bedauern aus, dass sie nicht mitgefahren war. »Wo es doch um unsere Zukunft in der Sonne geht, Andrea!«, sagte er. In diesem Moment musste er wieder an Marcella denken.
Das Gespräch wandte sich anderen Themen zu. Natürlich berichtete er ihr und sie ihm, wie die letzen Tagen nach dem Streit verlaufen waren. Andrea erzählt ihm, sie habe die Nächte durchgearbeitet und habe fast alle Abitursarbeiten korrigiert.
»Bis auf diese eine«, sagte sie.
»Ach ja«, sagte er. »Und wie sind sie ausgefallen? – Sicher macht dir dieser Abitursjahrgang wieder alle Ehre. Oder?«
»Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, was ich damit machen soll.«
An dieser Stelle hörte er den Piepton seines Handys. Zwei-, dreimal, dann verstummte er. Vermutlich Marcella. Jetzt würde er sie bis heute Abend nicht mehr sprechen können. Er saß nackt auf der Bettkante und griff nach seiner Armbanduhr, um sie mit dem Wecker zu vergleichen. Andrea war ihm nicht mehr böse, darüber brauchte er sich also keine Sorgen zu machen, aber jetzt musste er los.
»Sie ist von diesem Schüler, der mich geküsst hat. Kannst du dich noch daran erinnern? Er hat einfach mein Gesicht in seine Hände genommen...«
»Mmm«, wiederholte er etwa alle zehn Sekunden, um zu dokumentieren, dass er ihr zuhörte. Er hatte die Schnur des Telefons so weit gedehnt, wie es irgend ging, balancierte auf einem Fuß und angelte mit dem anderen nach frischer Unterwäsche, die auf einem Stapel lag. Zum Duschen hatte er keine Zeit mehr. Zur Nassrasur auch nicht.
»Die Arbeit ist ein einziger Liebesbrief. In einem Satz erwähnt er sogar meinen Namen. Augenfälliger geht es gar nicht mehr.«
Er hatte den Hörer zwischen Kopf und Schulter geklemmt und versuchte, ein Hemd aus seiner Cellophanverpackung herauszulösen, ohne Lärm zu machen. Geschah es aus Langeweile oder aus Sadismus, dass die Leute in der Hotelwäscherei unbedingt jeden einzelnen Knopf zuknöpfen mussten?
»Gestern Vormittag stand er dann vor der Haustür. Mit einem Blumenstrauß. Er sah wirklich süß aus. Wie du damals. Er ist mir nicht mehr von der Seite gewichen. Er hat hier sogar über...«
Er war schon halb in seine Hose gestiegen, als es wieder klingelte. »Mit einem Blumenstrauß«, wiederholte er und schielte auf das Display seines Handys. Es war Marcella. »So viel Dankbarkeit hätte ich von einem Abiturienten aber nicht erwartet. Die Schüler müssen dich sehr mögen. - Aber Andrea, ich komme zu spät zur Vertragsunterzeichnung. Muss losdüsen. Wie wär’s, wenn wir heute Abend noch einmal telefonieren? Dann habe ich mehr Zeit.«
»Oh. Dann ist es vielleicht schon zu spät.«
Er griff zum Handy. »Nein, es wird nicht spät.«

Dienstag, 6. März 2012

Talkshow


Flöter holte sich ein Bier und schaltete den Fernsehapparat an.
»Herr Dr. Fadenschein«, sagte der Moderator die Hände auf den Tisch gestützt, »mit dem Pulitzer-, dem Rainer-Maria-Rilke-, dem Georg-Büchner- und dem Deutschen Buchhandelspreis, um nur einige zu nennen, sind Sie der – Ich weiß nicht, wie ich es sonst nennen soll? – mithin am höchsten ausgezeichnete deutsche Autor.«
Dr. Fadenschein grinste unter seinem Hut in die Kamera. Ganz oben in der Ecke war noch ein Stück vom Richtmikrofon zu sehen, nicht viel, aber Flöter sah es ganz genau, so wie er immer alles ganz genau sah. 
»In ihrem neuen Roman«, fuhr der Moderator fort, »spielt die Figur des Henri Kleber, ein kleinbürgerlicher Voyeur, der den nächtlichen Strand von Perpignan nach kopulierenden Paaren absucht eine exzeptionelle, ja man könnte sogar sagen die handlungstragende Rolle.«
Dr. Fadenschein nickte.
Flöter konnte sehen, wie dessen Kinn dabei kurzzeitig zum Doppelkinn mutierte.
»Was interessiert Sie so sehr an dieser Figur?«
»Naja«, sagte Dr. Fadenschein genüsslich und rückte ein Stück auf dem Sessel vor, sodass sein Kopf den ganzen Bildschirm ausfüllte. »Alle Künstler wollen die Menschen in einem wirklichen, echten Augenblick sehen, in dem sie einfach nur sie selbst sind.«
»Wie beim Sex?«, fragte der Moderator.
»Ja, wie etwa beim Sex«, antwortet Dr. Fadenschein voller Gefallsucht, indem er jedes Wort in die Länge zog.
»Och komm!«, sagte Flöter, obwohl ihn niemand hörte. Es war ihm einfach so herausgerutscht. 
 Dr. Fadenschein zupfte sich am Bart. »Ein Voyer ist am Sex beteiligt, - und wiederum nicht daran beteiligt. Mir fällt hier die jaspersche Subjekt-Objekt-Spaltung ein. Eine erkenntnistheoretische Grundstruktur. Auf der einen Seite steht der Erkenntnisgegenstand, das Objekt – in meinem Roman, die vögelnden Pärchen - und auf der anderen der Erkennende, das Subjekt – der Spanner.«
»Och komm!«, sagte Flöter wieder, während Dr. Fadenschein weitersprach, und stand auf.
»Zwischen beiden besteht naturgemäß eine unaufhebbare Differenz. Durch die Beobachtung des Spanners nun wird diese Differenz zwar nicht aufgehoben, aber transzendiert. Das ist ein erkenntnistheoretischer Akt erster Güte. Ich würde sogar sagen, ein durchaus äußerst schmerzlicher existenzieller Akt, der das ganze Elend des menschlichen Daseins zum Ausdruck bringt. Daher heißt der Roman ja auch ›Ich bin nicht Du!‹ Er machte eine kleine Pause, um den Hut abzunehmen. »Diese Differenz wird in den Momenten, kurz bevor sich etwas ereignet, als besonders schmerzlich empfunden. In diesen Momenten sind alle Sinne geschärft. Die Franzosen sprechen von einem chaisement. Man erlebt es z. B. in Kneipen, wenn sich eine Rauferei anbahnt, wenn die Stimmung oder die elektrische Spannung sich ändert. Sex konzentriert gleichsam alle Sinne auf sich, schärft die Wahrnehmung. Und das wollen sich Künstler nicht entgehen lassen.«
Flöter hatte sich mittlerweile vor dem Fernseher aufgebaut. „Du willst dir das nicht entgehen lassen“ sagte er und drehte den Ton ab.
Dr. Fadenschein lächelte süffisant.
Flöter stützte die Hände in die Hüfte. „Und wenn wir schon einmal dabei sind, kannst du mir gleich mal sagen, was ein Erzähler ist, der nur von sich selbst erzählt?“ Er machte eine Pause. »Sag schon! Und erspar mir bitte diesen selbstreferenziellen Scheiß.« Er machte wieder eine Pause. »Ich will wissen, was ein Erzähler ist, der nur von sich selbst erzählt! He, sag schon? Hallo! Da bist du nicht mehr schlagfertig. Wie? He! - Hallo! Ich kann es dir sagen. – Er ist entweder ein Neurotiker, dem die Krankenkasse keine Therapie mehr bezahlt, ein Psychopath, der noch nicht auffällig geworden ist oder ein Wichser, der sich die Finger nicht schmutzig machen will. Und jetzt rate mal, was du für einer bist...« 

Montag, 5. März 2012

Misstrauen

Der Feind sei mitten unter ihnen, hieß es, parasitäre Elemente, die auf ihre Kosten lebten, sie ausbeuteten und an den Rand der Verzweiflung brächten. Die Gefahr ließ sich weder übersehen, noch übergehen. Immer näher rückte sie heran, saugte alle Aufmerksamkeit auf und besetzte ihr Bewusstsein. In dieser Stimmung schwand ihnen der Glaube, dass das Leben wie gewohnt weitergehen würden und sie auch morgen noch tun konnten, wozu sie heute imstande waren. Sie mussten etwas tun, nicht um das stolzeste Tempelhaus des schönen Menschtums zu errichten, sondern um sich ihrer Kraft zu versichern, allen Schmarotzer und Schädlingen trotzen zu können.
Paul war entschlossen. Man sah, dass er nicht scherzte. Niemand lachte über ihn, als er erklärte, dass er den Goldsteins, die im größten Haus am Ende des Dorfes wohnten,  einen sehr schmerzhaften Denkzettel verpassen wolle. Diesen Saujuden! Er würde die Glocken läuten, sagte er, wenn es soweit sei.
In der Nacht zum Freitag wussten sie, dass es bald geschehen würde. Die Fenster leuchteten spät wie in der Osternacht. Die Dörfler bereitet schweigend die Äxte, Knüppel und Schaufeln vor. Zuweilen, wenn eine Schaufel klirrte, die einer berührt hatte oder irgendwo anstieß, wenn ein Brecheisen hinfiel, erschraken sie. In der Anspannung und Stille tönte oft die Luft als klängen Glocken. Pst! Ruhig! War da nicht was? Sie lauschten, und da sie ihren Ohren nicht mehr trauten, stießen sie die Fenster auf und schoben die Köpfe hinaus. Ein kalter, feiner regen ging vom Himmel nieder. Es war feucht und unfreundlich. Es schien, als nehme die Nacht kein Ende. Man sollte doch endlich das Zeichen geben, wenn es schon unvermeidlich war. Oder hatte Paul gelogen, hatte Angst bekommen, und es würde am Ende gar nichts geben?
Sie kehrten in die Stuben zurück, irrten von einer Ecke zur anderen und überprüften noch einmal das bereitgestellt Gerät. Und plötzlich schallten die Glocken. Das Kupfer erschütterte den herbstlichen Nebel und ergoss sich in alle Winkel. Die Dörfler verließen die Häuser, drängten sich zusammen und beeilten sich. Endlich! Allen wurde leichter zumute. So unerwartet aus ihrem kalten Traum geweckt, dröhnten die Glocken heiser und jagten die von harter Arbeit gekrümmten, knorrigen Gestalten vorwärts. Vor der Kirche blieben sie stehen, wo Paul in seiner braunen Uniform auf sie wartete. Die Menge erstarrte und hielt den Atem an. Der Mut war ihnen für einen Moment in der Brust zusammengesunken.
Paul hob seinen rechten holzhammerfesten Arm zum Deutschen Gruß und sagte: »Los! Schlagt sie tot.«
Das traf die Menge wie eine Peitsche, brachte die Beine in Bewegung und trieb sie besinnungslos voran, inmitten anderer drängender Leiber, keuchender Lungen und löste eine Kraft aus, die plötzlich aus dem Schlummer erwacht war wie ein Fluss unter der Eisdecke. Vor dem Haus der Goldsteins kamen die ersten zum Stehen, während die nachfolgenden weiterdrängten. Die Tür war verschlossen.
Paul rammte sie mit der Schulter, und in der dichten Finsternis, in der man das Gesicht seines Nachbarn kaum erkennen konnte, dröhnten dumpf die Schläge, krachten trocken die Bretter. Plötzlich gab die Tür nach, und es wehte ihnen wie aus einem Abgrund entgegen. Die Leute taumelten schreiend in den finsteren Flur. Die Räume fingen das Gebrüll und trugen es durch das ganze Haus. Doch wo waren die Goldsteins? Keiner wusste es. Waren sie noch da oder bereits entflohen, schlug man ihnen schon die Köpfe ab, oder fing man sie noch ein? Ein Körper schob sich auf den anderen, und jeder spürte einen heißen, vorwärtsjagenden Atem hinter sich. Die Goldsteins waren immer noch nirgendwo zu finden. Wer hatte sie gewarnt? Warst du es Hans? Oder du, Albert? Niemand wusste es. Ein tiefes Misstrauen legte sich über sie. Sie verharrten ruhig und stumm, und in der großen Stille war ihnen, als würden sie die Schläge des verräterischen Herzens ihres Nachbarn hören. Die Zukunft glich nun vollends  nicht mehr der Gegenwart und die Gegenwart nicht mehr der Vergangenheit. 

Dienstag, 31. Januar 2012

Die Ährenleserinnen


Sichel schwenkend sang Eva leise vor sich hin. Noch flammte die Sonne über ihr. Geblendet zog sie mit geschlossenen Augen das kurze Jäckchen aus, das ihre Schultern verhüllte. Die Sonne brannte auf ihrer Haut. Mit einem Wonnegefühl ließ sie sich von ihr sengen.
Sie dachte an die Stadtmenschen, die mit ihren offenen motorisierten Kutschen über die staubigen Straßen an ihr vorübersausten, um an einer schönen großen Wiese an der Selz abzubremsen, von ihren Sitzen aufzuspringen und mit Tischen, Stühlen, Decken, Körben, Flaschen und was sonst noch alles sonnenschirmbewehrt in den Schatten zu stürzen. Diese Menschen lachten viel, obwohl sie sich vor den Gefahren der Sonne fürchteten, vor dem stechenden Gefühl auf ihrer Haut, besonders aber vor der Wetterbräune. Es hieß, die Sonne fördere den Blutandrang und ließe die Adern schwellen.
Das alles konnte man in den bunten großen Blättern und Zeitungen lesen, die die Stadtmenschen unter den Bäumen liegen gelassen hatten, damit Eva sich kopfschüttelnd an den farbenprächtigen Bilder erfreuen konnte. Als ob es außerhalb des Papiers, auf das sie gebannt waren, nichts zu sehen gäbe. Eva dachte an den Blick, den man vom Hahnheimerknopf auf den Donnersberg haben konnte, oder vom Hasenberg, einer kleinen Anhöhe hinter dem Dorf, auf Frankfurt, das zu Fuß immerhin mehr als eine Tagesreise entfernt war. Wozu brauchte sie die Bilder aus der großen weiten Welt? Lesen konnten sie nicht. Sie war nie zur Schule gegangen. Warum auch? Sie trug die Sonnenglut der Erde in ihrem Herzen, und in den Falten ihres Kleides die Düfte der reifen Ähren. Das reichte vollkommen aus, um ein gutes, um ein schönes Leben zu leben.
Sie beschleunigte ihre Schritte, als sie den Kirchturm hinter dem Mohnfeld in der Ferne sah und spürte den weichen Staub der Straße unter ihren Füßen und den schweißnassen Saum ihre Kleides am Hals.
Als sie am Feldkreuz vorbeikam, stand plötzlich die kleine Agnes vor ihr, kräftig, sonnenverbrannt, mit feinem Flaum an Armen und Beinen, wie eine goldene Biene. Ihre Augen waren niedergeschlagen, und sie bemühte sich, einen Halm mit den bloßen Zehen zu fassen. Wie Eva hielt auch sie eine Sichel in ihrer Hand.
»Hast auf mich gewartet, - ne?«, fragte Eva.
Agnes nickte. Sie sprach nur, wenn es nötig war. Sie liebte das Schweigen.
Sie gingen eine Weile nebeneinander her, schweigend und die Sicheln schwenkend. Der Kirchturm wuchs und wuchs. 
»Gräm dich nicht«, sagte Eva, als sie die ersten Hunde des Dorfes bellen hörte. »Du musst ihn vergessen. Auch wenn er dir gut war.« Sie hielt einen Moment inne, um sich das Kopftuch aufzusetzen. »Dabei weiß ich gar nicht«, fuhr sie fort, »ob er gut aus Dummheit oder dumm aus Güte war?«
Agnes nickte, was so viel bedeutete wie: Ich weiß auch nicht.
»Zum Glück hat er dich mit keinem kein Kind sitzen lassen, wie mich damals der Hans.« Sie machte wieder eine Pause, pflückte sich eine Kirsche, die ihr von einem Baum entgegenlachte, - der Arm zitterte noch von der Anstrengung des langen Tages - und steckte sie schmatzend in den Mund. »Du musst ihn vergessen. Der Mensch, der nichts vergessen kann, wird mit nichts fertig, auch nicht mit seinem Leben.« Sie spuckte den Kirschkern in den Straßengraben. »Ich denk da an die Pest. Alle, die sich daran erinnern, werden fortgeweht wie Sägemehl im Wind. Ihre Grübeleien machen sie wahnsinnig, ihre Erinnerungen machen sie wahnsinnig. Nur die, die vergessen können, haben ein langes Leben vor sich, und die, die ein gutes Gedächtnis haben, sterben.«
Agnes nickte wieder, was dieses Mal so viel bedeutete wie: Ich verstehe. 

Mittwoch, 18. Januar 2012

Im Flimmern der Geschwindigkeit

Mathilda hatte schon so viel von der Eisenbahn gehört. Jetzt stand sie vor ihr, groß und dampfend wie ein riesiger Lindwurm aus Stahl und Eisen, dessen schwarzes Maul sie bald verschlingen würde, wie all die anderen Passagiere, die duldsam auf dem Bahnsteig standen. Nur, - wann war es so weit? Bis das Pfeifen aufhörte? Würde man sie an der Hand nehmen und die kleine Treppe vor jedem einzelnen Wagen hinaufführen, - „Wagon“ hieß es, wenn sie sich recht besann? Ihr vielleicht sogar den Mantel abnehmen, wie bei einem festlichen Ball? Sie beobachtet die anderen Passagiere, die sicher schon erfahren waren, was die Eisenbahnreise anbelangte. Sie gab auf alles Acht, nur nicht auf die riesige Dampflok, die ihr Angst bereitete.
»Bitte einsteigen!«, rief ein Mann in Uniform mit einem Schild in der Hand. »Alles einsteigen.«
Und schon setzte sich die Menge in Bewegung, auch Mathilda. Sie ging einfach mit. Sie stieg die Treppe hinauf, folgte ihrem Vordermann und setzt sich direkt neben ihn. Als das Pfeifen draußen lauter wurde, schloss sie die Augen. Es ruckelte. Ihr Oberkörper schnellte vor und zurück. Es war wie bei ihrem Einspänner zu Hause, wenn Karl in hoher Fahrt anhalten musste, weil ein spielendes Kind über den Weg lief. »Brrrrr!« Wie oft hatte sie sich so an der Rückenlehne gestoßen.
Misstrauisch warf sie einen Blick aus dem Fenster. Sie sah Menschen, die winkten. Manche weinten, andere lachten. Dann Häuser. Sie schloss die Augen. Ein zweites Mal. Sie würde sie auch nicht mehr öffnen, bis sie in Darmstadt angekommen war.
Ein Kind schrie ein paar Sitze hinter ihr, was ihr Unbehagen steigerte. Sie konnte beim besten Willen nicht ausmachen, ob es aus Freude oder Angst geschah. Ihr wurde plötzlich schwindlig. Sie musste die Augen öffnen und war überrascht, dass die Landschaft so langsam an ihr vorüberzog. Alles schien stillzustehen.
„Möchten sie sich ans Fenster setzen, gnädige Frau?“, fragte ihr Nachbar freundlich. Er trug einen lustig gezwirbelten Bart in seinem Gesicht.
Sie nickte.
Er stand auf, drehte sich zu ihr, und lüpfte kurz seinen Hut, um sie dann mit einer einfachen Handbewegung zum Aufrutschen aufzufordern.
„Danke“, sagte sie.
Jetzt war alles anders, als sie aus dem Fenster blickte. Hatte der Zug etwa seine Geschwindigkeit erhöht? Die Schnelligkeit war unerhört. Aber, nein. Wie konnte sie denn so einfältig sein? Die Ferne rückte nach wie vor nur sehr langsam hinweg. Es war nur die Nähe, die verschwamm. Die Blumen am Wege waren keine Blumen mehr, sondern Flecken oder eher noch rote und weiße Striche; auch die Bäume nahe der Schienen, die Brücken, die der Zug überquerte, wurden allesamt zu Strichen, zu Geraden, die endlos weiterliefen und für Mathilda die Begradigung widerspiegelten, die die Landschaft, ja die Welt durch die Eisenbahn erfuhr. Die Eisenbahn legte ihrem Auge gleichsam eine Uniform an, die alles zu einem Strich herabminderte: die Kühe, die Schafe, selbst die Menschen, an denen der Zug nahe genug vorbeirauschte. Und wenn sie lange genug aus dem Fenster sah, so verwandelten sich auch die Dinge in der Ferne, die Berge, die Wälder, die Dörfer in endlose Striche, bis sie gegen den Horizont entschwanden, der selbst ein Strich war. 
Das alles konnte auf das Leben und das Denken nicht ohne Einfluss bleiben. Denn im Flimmern der Geschwindigkeit lösten sich nicht nur die Dinge auf, sondern auch der Zusammenhang zwischen den Dingen; auch ihre Bedeutung schob sich ineinander und verlöschte. Man hatte keine Anhaltspunkte mehr außer sich selbst. Ja, mehr noch: Die Eisenbahn tötete den Raum. Es blieb nur noch die Zeit übrig. Sie hatte Angst. Wie sollte das alles enden?  Es war ihr, als kämen die Berge und Wälder auf sie zugerückt, um für immer zu verschwinden. Sie roch schon den Duft der Zypressen, vor ihr brandete das Mittelmeer. Es würde nur kurz sein.

Donnerstag, 12. Januar 2012

Kleinvieh

Halbnackt lag sie in seinen Armen und drehte sich langsam mit ihm im Takt. Dort, wo sie hintanzten, machte die Menge respektvoll Platz. Er war glücklich, denn sie war jetzt seine Frau, und mit ihr kam ein Vermögen in seinen Besitz, das er sich nie zu erträumen gehofft hatte. Bis ans Ende seiner Tage würde er in Saus und Braus leben können. Er würde sich von keiner mehr aushalten und keine mehr heiraten müssen. Woher ihr Reichtum kam, hatte er nie gefragt. Er wusste nur, dass sie ihn nicht ererbt, sondern sich erarbeitet hatte. Aber wie? Sie war ein gutmütiger Mensch, einer jener sonderbaren ruhelosen Charaktere, die nicht imstande waren, eine Ungerechtigkeit gelassen hinzunehmen, ja sie konnte noch nicht einmal das ertragen, was ihr als solche erschien. Wie hätte sie dann Geschäfte machen können, die ihr anderen gegenüber einen finanziellen Vorteil verschafft hatten? Gewiss manchmal forderte sie von anderen die zarteste Rücksicht, während sie selbst schroff und unduldsam war. Aber das hatte nichts mit ihrem Geld zu tun. Es war eine Laune der Natur und entsprach nicht ihrem Wesen. Er wüsste mit diesen Grillen fertig zu werden.
Vom Meer wehte ein köstlicher lauer Wind, und der Anblick des halb grauen, halb rötlichen Himmels, der sich über ihnen auftat, würde in Wien sicher rätselhaft sein.
»Wenn einer nicht genug Grütze im Kopf hat«, sagte sie plötzlich und blickte ihn mit ihren absinthgrünen Augen an, »dann ist es sein eigener Schaden.« Sie riss sich von ihm los, streckte die Arme in die Luft und begann sich ganz entgegen der Musik konvulsivisch hin und her zu wiegen, ohne ihn aus den Augen zu lassen. »Ich weiß, wer und auch was du bist«, sagte sie langsam, indem sie jedes einzelne Wort betonte und bewegte sich um ihn herum. »Du bist nicht der, für den du dich ausgibst. Du bist ein Heiratsschwindler, ein Betrüger. Du hast geglaubt, du könntest ab heute wie eine Made im Speck leben!«
Sein verblüffter Blick folgte ihr und ließ ihn, sich um seine eigene Achse drehen. Es war ihm, als ob ein Engel plötzlich Zoten sang und sich in hysterischen Krämpfen wand.
»Du hast dich getäuscht. Ich bin genauso wenig vermögend wie du.« Sie machte eine Pause und fuhr ihm, während sie sich weiter um ihn drehte, mit dem Handrücken über Gesicht und Hinterkopf. »Aber vielleicht werde ich es noch.« Sie lachte. »Mit deiner Hilfe.«
Er wollte etwas entgegnen, war aber so verwirrt, dass er kein Wort herausbrachte.
»Ich bin eine Mätresse, eine Hure. Und du - » Sie machte eine Pause. »Du bist jetzt mein Lude.« Sie lachte. »Man muss sich in dieser Welt zu schicken wissen. Ich gehören nicht zu denen, die eine Königin übertrumpfen wollen, indem sie ihre Tür bloß den Reichen und Mächtigen öffnet. Es gibt keinen größeren Berg als den, den man mit, › Wenig und Oft‹ aufbaut. Dumme Hühner sind diejenigen, die sagen: ›Ein Ochse macht auf einmal so einen Haufen wie tausend Fliegen zusammen.‹ Denn es gibt so viel mehr Fliegen als Ochsen. Auf einen großen Herren kommen zwanzig, die dich mit Versprechungen zahlen, aber tausende von denen, die keine großen Herren sind, füllen dir die Hände. Ich weiß ganz gut, welche schönen Batzen Schenkwirte, Theriakshändler, Scherer, Barbiere und Bauern vertun.«

Mittwoch, 11. Januar 2012

Im Templer

Es kam ihr alles unwirklich vor: der Fastnachtsbrunnen mit seinen grotesken Gestalten, die sich im Sprühnebel versteckten und der gewaltige Dom, eingetaucht in ein seltsames Gebläse, das von vier Musikern in schwarzen bodenlangen Gewänder stammten, die über den Leichhof glitten. »Wie können all diese Leute«, sie zeigte auf einen der Musiker, dessen Sousaphon sich wie eine Riesenschlange um seinen Körper gewickelt hatte, »ihr Leben einfach fortsetzen, während ein Verbrechen geschehen ist. Wenn wir nichts unternehmen, wird Pfeiffer niemals seine gerechte Strafe erhalten.«
»Gerechte Strafe«, wiederholte Helga abfällig, als sie in die Augustinerstraße einbogen. »Das ist doch nur eine Redensart. Die Auffassung, dass das Leben die gerechte Strafe oder den gerechten Lohn bereithält, dass allem eine tiefere Bedeutung zukommt als die, die wir ihm bemessen, ist doch nur tröstlicher Aberglaube.«
»Aber Helga«, Lucia blieb stehen, »glaubst du denn nicht an Gerechtigkeit?«
»Komm«, sagte Helga milde und hakte sich bei ihr unter; ihre dünnen, knochigen Fingern nahmen sich aus wie die eines kleinen Mädchens. »Ich bin müde. Die ganze Sache hat mich viel Energie gekostet, und ich wünsche mir jetzt nur eine warme Suppe in der gemütlichen Weinstube, von der du mir erzählt hast.«
Vor der Ignatzkirche blieb Lucia stehen und wartete darauf, dass sich ihre Gereiztheit legte. »Hier ist es«, sagte sie und zeigte auf das Wirtshausschild gegenüber, auf dem ein Ritter abgebildet war.
© Christian Kohl
Die Täfelung aus Eichenenholz bedrängte Lucia zunächst von allen Seiten, als sie in den »Templer« eintrat, doch als Pierre, Mainz’ prominentester Korse, mit »Efin, ma Chéri« auf den Lippen ihr aus der Küche entgegenstürmte und sie mit Küsschen bedachte, fühlte sie sich frei und geborgen. »Isch«, begann er mit einem französischen Akzent, der die Melodie der Mainzer Mundart nachzuahmen schien, »abe gewusst, dass du eute kommst. Es gibt Cassoulet!« Er hielt sie fest und blickte ihr in die Augen. »Aber was hast du?«
Lucia presste den Mund zu einem dünnen Strich zusammen und wich zurück.
Erst jetzt schien er Helga zu bemerken. »Du hast mir deine Freundin noch nicht vorgestellt.« Er beugte sich zu ihr, um auch sie zu küssen. »Nun, meine Schönen«, sagte er und verschwand hinter dem Tresen, »ist es Zeit für einen Aperitif.« Er ließ keine Widerrede zu und drückte jeder der beiden alten Damen ein Glas Champagner in die Hand. Während er Lucia den Stuhl an ihren Lieblingstisch heranrückte, gestattete sie sich das Lächeln, das sie so lange unterdrückt hatte. Erst als auch Helga Platz genommen hatte, setzte er sich dazu. »Du weißt«, sagte er eindringlich, »du kannst mir alles sagen, was dich bedrückt.«
Lucia zögerte, doch dann erzählte sie ihm die ganze Geschichte.
Er hatte seinen Champagner ausgetrunken und beäugte Lucias unberührtes Glas. »Um dein Ziel zu erreichen«, sagte er, »lauf in die entgegengesetzte Richtung.«
Sie konnte nicht mehr fragen, wie er das meinte, denn in diesem Augenblick kam die Kellnerin mit einer großen irdenen Kasserolle, und eine Viertelstunde lang wandte sich alle Aufmerksamkeit, mit anerkennenden Worten von allen Anwesenden, dem Cassoulet zu, und Pierre, hocherfreut, revanchierte sich mit der Geschichte, wie er die unerlässliche Zutat, die eingemachte Gans, in Straßburg erstanden hatte. Als die Mahlzeit beendet war, nahm er den Faden wieder auf. »Peiffer ist ein Spieler«, sagte er. »Du musst ihn dort packen, wo er es nicht erwartet, dort, wo seine Leidenschaft tobt.«
»In der Spielbank?«, fragte Lucia unsicher.
»Nein, er spielt Poker, und das mindestens zwei Mal die Woche.« Er machte eine bedeutungsvolle Pause. »Mit Didier«, sagte er schließlich und zwinkerte ihr zu. »Er nimmt dich sicher mit.«
»Ich und Poker«, entgegnete Lucia leicht abwehrend und stürzte ihren Champagner hinunter. »Mit Glücksspiel habe ich rein gar nichts am Hut!« Ihre gebrochene Rippe begann wieder zu schmerzen.
»Du sollst ja auch nicht spielen«, sagte Pierre und stand auf, »sondern ihn zum Pokerspiel begleiten«. Sein Gesicht lag jetzt im rötlichen Schein der Nachmittagssonne, die sich durch die beiden Fenster in den »Templer« drängte. »Sozusagen als Glücksfee.«
Lucia starrte Helga an, erwartete, dass diese Widerspruch erhob und sie zum Arzt oder ins Bett schickte oder irgendetwas sagte wie »In deinem Zustand ist es nicht angemessen, wenn du dich in weitere Abenteuer stürzt.« Doch es kam nichts dergleichen, noch nicht einmal ein unmerkliches Kopfschütteln. »Und wohin?«, fragte sie zögerlich. Sie stellte sich ein verruchtes Lokal mit ebenso verruchten Gestalten vor, die trinkend und rauchend um einen runden Tisch saßen und sich neben schmutzige Schoten abgegriffene Spielkarten entgegenwarfen. Bei dem Gedanken war ihr etwas mulmig zumute. Vielleicht sollten sie und Helga jetzt gehen?
»Ich weiß nicht, ma chérie«, antwortete Pierre und grinste. »Das wirst du schon noch sehen.«
Sie wusste, dass er etwas vor ihr verbarg, das sah sie an seinen Augen.
Er ging hinter den Tresen, nahm das Telefon und verschwand damit in der Küche. Nach einer Weile kam er mit einer noch heißen Tarte Tartin in der Hand zurück und sagte: »Ich habe mit Didier telefoniert.« Er stellte den Kuchen auf den Tisch. »Du hast Glück, ma Belle. Heute Abend ist ein Pokerspiel. Didier holt dich hier ab. Die Tarte wird euch beiden bis dahin die Zeit versüßen.«
Pierre hatte damit vollendete Tatsachen geschaffen. Lucia musste nun bleiben und ließ sich mit dem unbeschreiblich wohlschmeckenden Apfelkuchen verwöhnen, der auch Helga zu schmecken schien, was unschwer an ihrem ungewöhnlich großen Appetit abzulesen war, der sie vier große Stücke verschlingen ließ, zwei mehr als sonst im Wiesbadener Maldaner. Während die beiden Damen aßen, zeigte er ihnen einige ausgefallene Stücke seiner umfangreichen Kaffeemühlensammlung, der größten, wie Lucia wusste, weit und breit. Dabei machte er das ein oder andere Kompliment, das Helga, sehr empfänglich für Höflichkeit und Schmeichelei, immer wieder zum Jauchzen brachte. Pierre’s liebenswürdig-gewinnende Wesensart schien ihr nicht unangenehm zu sein. Mehr noch: Lucia hatte ihre Freundin noch nie so munter erlebt.
»Die Mainzer!«, seufzte Helga immer wieder, als sehne sie sich nach einem anderen Leben. »Die Mainzer!« Und so war sie auch nicht empört darüber, dass Lucia und sie, die eingefleischte Wiesbadenerin, von einem Mann, der plötzlich mitten im »Templer« stand, mit »Wo sind dann die Meenzer Mädcher« begrüßt wurden. Sie stieß aber ein erschrecktes Lachen aus, als sie sich umdrehte. Denn hinter ihr stand ein männliches Ungetüm, das mit dem kleinen Kopf aus seinen Muskeln schaute wie eine Schildkröte aus ihrem Gehäuse. Trotz seines eleganten Anzuges, warf sie ihm einen raschen Blick konzentrierter Verachtung zu und drehte sich wieder um.
© Christian Kohl
Er setzte sich neben sie, rieb sich die rechte Hand mit der linken und sagte, die Ellbogen auf den Tisch gestützt: »Isch bin der Dieter!« Als er zu sprechen begann, zuckte Helga zusammen und tastete nach ihrer Tasche.
»Didier«, korrigierte Pierre, was Helga, aber auch Lucia leicht aufatmen ließ.
»Wer von euch beiden Hübschen«, fragte Dieter, »ist denn mein Maskottchen?« Er roch stark nach Eau de Toilette, Egoist, ein Duft aus den Achtzigern, der sicher seine Alkoholfahne überdecken sollte, die Lucia wenig später in die Nase stieg.
»Ich«, antwortete sie zögerlich und beugte sich zu ihm hinüber, um ihm die wenigen unbeholfenen Sätze zu sagen, die sie sich zurechtgelegt hatte. Doch er wusste schon Bescheid, nickte ab und sagte: »Den Pfeiffer, den kennt hier jeder!« Er brabbelte etwas von Spielerschulden und Ehre, was Lucia nicht verstand, um dann in die Frage einzumünden: »Was wollt ihr zwei Lotusblüten denn von dem? Der ist doch verheiratet.« Er machte eine Pause und sah Lucia mit durchdringenden Basedowschen Augen an, die etwas an sich hatten, das sie auf der Hut sein ließ. Dann fuhr er lachend fort: »Außerdem sind Frauen nicht ganz sein Fall!« 






Bestellung signierter Exemplare mit persönlicher Widmung hier auf der Seite unter dem Reiter "Kontakte". 



Niemand ist so veranlagt, dass man ihm trauen könnte! – Das ist die fixe Idee der Mainzer Grabrednerin Lucia Herzer, einer pensionierten Lehrerin, die hinter jedem Trauerfall einen Mord vermutet. Sehr zum Missfallen ihrer Wiesbadener Freundin Helga. Denn die selbst ernannte Mainzer Miss Marple geht dabei fast immer in die Irre. Sie beschuldigt unbescholtene Bürger und lässt sich zu waghalsigen Aktionen verleiten, die für die beiden Freundinnen nicht immer ungefährlich sind. Doch auch ein blindes Huhn wie sie findet manchmal ein Korn.
Dieser Stadtkrimi, an dem die Leser der „Stadtausgabe Mainz“ als Ideengeber mitgewirkt haben, ist mehr als nur eine bloße Aneinanderreihung von Aha-Erlebnissen – etwa wenn man die Kneipe an der Ecke oder bestimmte Mainzer Persönlichkeiten wiedererkennt. Er ist urkomisch und spannend zugleich.

Dienstag, 10. Januar 2012

Herausgefallen

Nach fünfminütigem Dösen wachte Anna auf und sah einen nackten Mann mit schütterem Haar und liebevollem Gesichtsausdruck vor ihrem Bett stehen. Wo war sie? Wer war diese Person? Was wollte er? Sie zog die Decke über ihre nackten Brüste und starrte ihn an. Schließlich fragte sie: „Gehöre ich hierher?“
»Na klar«, sagte er lächelnd und setzte sich neben sie.
Sie spürte eine unendliche, kühle Leere. Sie hatte das Gefühl, dass in ihrem Körper eine Tote lebte.
»Ich weiß nicht, wer Sie sind, und ich weiß nicht, wer ich bin?«
»Was soll das heißen, du weißt nicht, wer du bist?«, fragte er sanft und immer noch lächelnd. Er lüpfte die Bettdecke und schlüpfte darunter, sein kalter, nackter Köper an ihrem.
»Ich weiß nicht, wer ich bin«, wiederholte sie.
Jetzt lachte er. »Hör doch auf mit diesem metaphysischen Quatsch, mein Schatz. Und schlaf noch ein bisschen. Es wird heute Abend spät werden. Du weißt doch, wie deine Mutter ist!«
© Paula Andrea Alvarado 
Sie sprang auf und zog den Morgenmantel an. Sperma klebte an ihren Oberschenkeln. Dann rannte sie nach draußen und stieg die Anhöhe hinauf. Das trockene, braune Gras, hart und spitz wie kleine aufrecht stehende Nägel zerbrachen knackend unter ihren Füßen. Während des Aufstiegs versuchte sie ihre Traumvorstellungen von einem Mann mit diesem nackten Mann, der ihr Mann war, in Übereinstimmung zu bringen. Aber es gelang ihr nicht. Warum gelang es ihr nicht? War es ihr jemals gelungen? Sicher. Sonst wäre dieser nackte Mann doch nicht ihr Mann. Oder hatte sie  ihn gegen ihre Traumvorstellungen geheiratet? Was war geschehen? Was war mit ihr geschehen? Warum stellte sie alles in Frage? – Weil die Vergangenheit aus unerfindlichen Gründen nicht mehr der Gegenwart und die Gegenwart nicht mehr der Zukunft glich. Und weil sich damit die Gewohnheit als Gewohnheit entlarvt hatte.
Die Sonnenstrahlen pressten sich wie ein warmer Körper an sie, ließen sie schwitzen und erfüllten sie plötzlich mit dem eigenartigen Verlangen, sich ihres Morgenmantels zu entledigen und nackt weiter zu laufen, was sie auch sofort tat. Oben angekommen streckte sie die Arme über ihren Kopf, ließ das Haar in den Nacken fallen, schloss die Augen und wandte ihr Gesicht der Sonne zu. Sie summte eine Art melodieloses Lied, einen Sprechgesang und bemerkte, wie sich die Erde bewegte, wie sich um sie herum alle Elemente in Bewegung setzten. Sie nahm die Hitze in sich auf und spürte all die Bewegungen ihres Körpers als persönliche Ereignisse, die sie sozusagen von außen heimsuchten, plötzliche Lichtstrahlen, die wie Blitze durch sie hindurchfuhren. Sie war nicht verrückt. Sie hatte sich verrückt. Plötzlich wusste sie, wer sie war und wusste auch, warum ihr Mann nicht der Mann war, den sie sich erträumt hatte. Und es war ihr jetzt auch völlig gleichgültig, ob ihr Mann ihren Traumvorstellungen entsprach. Wichtig war nur, dass sie sich selbst wieder spürte.

Montag, 9. Januar 2012

Stachel




Sie kehrte zur Wohnung zurück, mit einer Niedergeschlagenheit, die ihr die Knochen erweichte. Trotz der Hitze war ihr eiskalt. Er öffnete die Tür, noch immer nackt, und sah sie an.
»Ich kann nicht anders, auch wenn du mich wieder rauswirfst«, sagt sie und drängte sich an ihm vorbei. »Du bist ein Stachel in meinem Fleisch! Kommst wie ein Fluch über mich!«

Samstag, 24. Dezember 2011

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Autosuggestion

Christina fühlte sich seltsam, als wäre sie inwendig hohl und ihr Körper nur Haut und Knochen, eine aufgeblasene Schweinsblase, die man mit einer feinen Nadel zum Platzen bringen konnte. Hinzu kam ein unerklärliches Kribbeln, fast so, als krabbelten Ameisen unter ihrer Haut, manchmal auch ein Pochen in einzelnen Körperteilen, besonders in den Gliedmaßen, das mit unangenehmen und ebenso unerklärlichen Stichen einherging und einer Hitze, die von den Füßen zum Kopf hochstieg und vom Kopf zu den Füßen ging. Legte man eine Hand auf ihre Stirn, fühlte man aber nichts Besonderes. Man sah auch nichts. So angestrengt man sie auch betrachtete. Daher musste sie weiter arbeiten, selbst wenn sie die einfachste Verrichtungen wie Spinnen oder Nähen nicht mehr fertig brachte.
Ihr Kopf war von allen Gedanken und auch Erinnerungen entleert. Mitunter wusste sie nicht mehr wer sie war und was sie tat, erlebte alles wie unter einem Schleier, und wenn sie die Dinge ganz unverhüllt schaute, so erfasste sie dieselben höchst selten so, wie sie waren oder wie sie sein mussten. Folglich war es ihr auch nicht mehr erinnerlich, wie und wann das Übel begonnen hatte.
Man hatte sie auf dem Boden im Stalldung liegend gefunden. Daran konnte sie sich noch gut erinnern, nicht aber wer sie gefunden hatte. Vielleicht war es der Knecht gewesen? Vielleicht aber auch der Wirt?
Mit großer Beschwerde war sie aufgestanden - man hatte ihr dabei geholfen – und hatte ein solches Rumpelwerk, ein Rumoren in ihrem Bauch verspürt, dass sie gleich darauf in die Wirtsstube gerannt war, um eine halbe Flasche Branntwein zu trinken, durch den sie beinahe endgültig von aller Vernunft gekommen wäre, wenn sie sich vorher nicht, aus lauter Übelkeit, die ihr der Alkohol bereitet hatte, den Finger in den Hals gesteckt hätte.
Am Anfang war nicht mehr als ein wenig Wasser herausgekommen, das nach Galle und vergorener Milch gerochen hatte. Doch nach langem Quälen hatte sie etwas hervorgewürgt, das einem fingerlangen Wurm oder Reste eines Wurms nicht unähnlich war. So genau hatte sie es nicht erkennen können, denn es war sofort im Abtritt verschwunden.
Entsetzt war sie zur Kellerin, dem Kräuterweiblein, in die Himmelsgasse gestürzt und hatte ihr mit dünner Stimme ihr Leid geklagt.
„Was ich sage, ist wahr“, beteuerte sie ihr unter Tränen. „Ich erfinde niemals Geschichten. Ich verbürge mich bei meiner Ehre, für das, was ich erlebt habe.“
Die kleine, verwachsene Gestalt stand mitten in der Küche auf einen Stecken gestützt, an dem noch die Rinde haftete, und hörte ihr regungslos bis zum Ende der Rede zu. Daraufhin legte sie ihren Stock auf einen Stuhl, ganz vorsichtig, als ob es von Bedeutung wäre, ging zum Wasserbottich, der vor der Türschwelle stand, beugte ihr schlimm verkrüppeltes Rückgrat tief nach unten und tauchte die Hände ins Wasser, etwa drei Vaterunser lang.
„Es erscheint vielen beinahe wie ein Wunder“, sagte die Alte schließlich und richtete sich auf, „dass die Würmer, vor allem, weil sie lang und rund sind, emporsteigen und durch Mund und Nase herauskommen.“ Sie spreizte ihre noch feuchten Hände und versprengte das Wasser mit mehreren schüttelnden Bewegungen wie mit einem Weihwasserwedel in den Raum. „Aber das ist nun einmal so, wenn derjenige schlecht isst oder schlecht wohnt, was eine gewisse Verstimmung im Magen und in den Eingeweiden hervorruft, die geeignet ist, die Würmer zu reizen, die ansonsten still und ruhig sind.“ Sie machte eine Pause, während sie sich die Hände an ihrem Fürtuch abwischte. „Isst du denn schlecht?“
Christina überlegte. Noch nicht einmal das wusste sie genau. Ihr Kopf war schwach. Sie konnte einfach nichts mehr zusammenbringen. Schließlich antwortete sie, wortkarg, was gar nicht ihre Art war: „Ich kann nichts Rechtes hinunterbringen.“
Die Kellerin sah sie wieder lange an, ohne etwas zu sagen, und nickte endlich bedächtig mit dem Kopf. „Das ist es“, sagte sie leise wie zu sich selbst und trottete in die Küchenmitte zu dem Stuhl, auf dem der Stecken lag. „Wenn der Mensch lange Zeit nüchtern gewesen ist, oder nahezu nüchtern, dann nagen die Würmer am Magen, denn sie sehnen sich nach Nahrung. Und weil sie nach einer gewissen Zeit nichts bekommen, um sich zu ernähren und am Leben zu erhalten, steigen sie empor und suchen nach Speise, bis sie schließlich im Rachengang der Kehle ankommen.“ Während sie sprach, hielt sie den Stecken in der Hand, um damit wie zur Verdeutlichung den aufwärts führenden Weg der kleinen hungrigen Schmarotzer mit einer zittrigen, aber gewandten Bewegung nachzuzeichnen, angefangen an Christinas Unterleib bis hin zu ihrer Kehle.
Leicht nur berührte sie Christinas Brust, dass es dieser ganz anders wurde, und in diesem Moment bemerkte sie auch, dass etwas Lebendiges unter ihrer Herzgrube kniepte und fraß. Sie stellte sich vor, wie all diese winzigen Würmer – Wie viele mochten es denn sein? –  sie zum Gegenstand ausgesuchter bübischer Unternehmungen machten und in ihrem Kopf und ihren Gliedern die unsäglichen Empfindungen verursachten, welche sie schon seit Tagen peinigten.
„Aus einem gewissen Scharfsinn und einer natürlichen Neigung heraus“, erklärte die Kellerin weiter und setzte den Stecken auf den Boden, „spüren die Würmer, dass die Speise auf diesem Weg in den Magen kommt. Und weil die Nase auch ein Kanal ist, der in die Kehle einmündet, gehen sie auch hierin und kommen vermittels des Niesens heraus oder werden mit den Fingern herausgeholt. - Ich habe oftmals gesehen, wie dies auch bei gesunden Menschen vorkommt. Du brauchst dich also nicht zu sorgen. Brauchst nur zu essen. So werden die Würmer wieder in die Eingeweide zurückgedrängt.“ Sie kramte in ihrer Schürze ein kleinen Beutel hervor und streckte ihn Christina entgegen. „Zur Sicherheit nimm das und bereite einen Sud daraus. Das wird dir helfen. Es sei denn“, sie unterbrach sich plötzlich und tat ganz geschäftig. „Ich muss jetzt ...“
„Was?“, fragte Christina.
„Die Kräuter werden dir schon helfen.“
„Was?“, wiederholte Christina leicht gereizt.
„Es sei denn jemand hat dich vergiftet!“
Christina lachte, nahm den Beutel und drückte der Alten etwas Geld in die Hand. Wer sollte sie denn vergiften wollen! Wenn schon nicht reich an Gut, so war sie doch reich an Seele. Sie war allen Menschen hold, tat ihnen gut und dachte stets nur an das Beste!
Sie lachte auch noch auf dem Nachhauswege. Womöglich war das ein gutes Mittel gegen die Würmer?
Aber als sie nach Haus gekommen war und sich im Spiegel betrachtet hatte, war ihr das Lachen vergangen. Denn ihr Gesicht war trotz der sommerlichen Bräune bleich, ihre Augen funkelten stärker als zuvor, und ihr Mund sah aus wie ein schmaler Strich.
Vielleicht hatte man sie doch vergiftetet?
Als sie zu Bett gegangen war -  früher als sonst - , dachte sie immer noch daran, obwohl es ihr etwas besser ging.
Über der Erinnerung an den ausweichenden Blick der Alten war sie schließlich eingeschlafen, um nachts zur zwölften Stunden durch ein überlautes Poltergeräusch aus dem Schlaf geschreckt zu werden. Es war ihr, als würden Fässer die Treppe hinuntergeworfen. Sie wollte schon ansetzen, um sich lautstark über das nächtliche Treiben zu beklagen, als ein schreckliches Sausen und Pfeifen begann, als flögen Nüsse aus den Schubladen an die Wand. Flugs zog sie die Decke über den Kopf, damit sie sich durch die hölzernen Früchte zu allem Übel nicht auch noch äußerlich verdarb, und schickte eins, zwei Ave Mariae gen Himmel. Denn der nächtliche Beschuss kam ihr fürwahr nicht ganz geheuer vor.
Sie lag noch im Gebet, als das Gepolter und Getöse mit einem Schlag verstummte. Darauf folgte Stille, nichts als Stille. Kein Knistern und Knacken, kein Rascheln und Rollen, kein Wispern und Pispern, kein Schnarchen und Schnaufen. Nur Stille. Es war so, als ob die Vögel des Himmels bei helllichtem Tage ganz plötzlich und unerwartet verstummt wären. Noch nicht einmal in ihrer Herzgrube kniepte und fraß es.
Ja, war sie vielleicht schon tot?
Mit einem Ruck sprang sie aus dem Bett, um sich selbst zu vergewissern und vor allem aller Welt zu bekunden, dass sie noch nicht verschieden sei, und stürzte zur Tür, ohne auf die Haselnüsse zu achten, die auf dem Kammerboden überall herumkullern mussten. Dabei bemerkte sie sehr wohl, dass dort rein gar nichts lag, auf dem sie hätte ausrutschen können.
Sie begann die Treppe hinunterzuschleichen. Jede Stufe verriet sie durch ihr Knarren. Ihr Herzschlag dröhnte ihr in den Ohren. Sie bildete sich ein, das Geräusch von neuem zu hören, war sich aber nicht sicher. Sie blieb stehen und hielt den Atem an. Nur rauschende Stille und ihr pochendes Herz. Wieder schlich sie sich drei Stufen hinunter. Wenn doch nur der Wirt da wäre und...  Sie war noch vier Stufen vom unteren Treppenabsatz entfernt. Unten angekommen, war nichts zu sehen, was die Ursache für den nächtlichen Lärm hätte sein können.
Es war wie im Traum.
Vielleicht träumte sie ja auch?
Niemand wuchtete Fässer durch das Haus. Es war wie allezeit in der Nacht, wenn sie auf den Nachstuhl musste. Sie hatte lediglich das Gefühl, dass etwas um sie herum war, das sie zwar nicht sah, wohl aber gehört hatte, wenn auch nur kurz, und welchem sie ihre sämtlichen körperlichen Beschwerden und alle Anfechtungen des Gemüts zuschreiben konnte.
Als sie die Treppen wieder hinaufstieg, glaubte sie hinter sich, ein huschendes Geräusch zu hören wie von Ratten, ein Rascheln. Sie meinte eine Bewegung wahrgenommen zu haben, doch als sie sich umwandte, war alles still.
Es war sicher ein Luftzug, dachte sie und stieg wieder zurück in ihr noch warmes Bett.
Sie war ganz weit weg und zitterte und wartete darauf, dass sie wieder zum rechten Gebrauch ihrer Gemütskräfte gelangte, dass ihr Kopf stark wurde.
Das Böse bemächtigt sich schnell eines Menschen, dachte sie.
Sie schloss die Augen und ließ sich treiben. Es war kein eigentlicher Schlaf, sondern eher ein leichtes Nickerchen. Sie wusste, sie lag auf dem Bett, und versuchte zu ergründen, was gerade mit ihr geschah. Die Gedanken verhäkelten sich allmählich in ihrem Hirn.
Vielleicht hatte man sie doch vergiftet?
Nicht mit einem Trank, einer Salbe oder einem Pulver, sondern mit dem bloßen Wort...
Denn das Wort besaß eine große Kraft, wenn es in starkem Verlangen und in der richtigen Absicht gesprochen wurde. Alle Wunder der Welt geschahen durch das Wort und auch alles Übel war durch das Wort in die Welt gekommen.
Sie dachte an die Wunder des Herrn, von denen die Pfaffen erzählten. Sie dachte auch an die Heimsuchungen des Teufels. Sie dachte aber auch an die unterschiedlichsten Kräuter, die ihre heilende Wirkung nicht von Natur aus entfalten konnten, sondern nur dann, wenn bestimmte geheime uralte Riten eingehalten wurden; und dazu gehörten auch formelhaft ausgesprochenen Worte, - auch, wenn man sie meist nicht verstand. Sie dachte an Gebete, Wünsche und Bitten, die in Erfüllung gingen, auch an Zaubersprüche und – formeln.
Alles Worte! Man sah zwar nicht, wie sie ihre Kraft entfalteten, aber man konnte sie hören. Das lautlose Lesen half da wenig. Das galt auch für Flüche, durch welche man Unheil auf einen anderen oder auf dessen Habe oder auch auf sich selbst herabwünschte. Ein im Augenblick des Todes ausgesprochener Fluch erfüllte sich auf wunderbare Weise ...
Die Alte hatte Recht!
Christina pochte das Herz in der Brust. Der Schweiß stand ihr auf der Stirn. Sie war auf der richtigen Fährte.
Noch spürte sie die Schwäche des Verstandes, doch die verlorenen Geisteskräfte kehrten allmählich zurück. Und je länger sie über die Macht der Worte nachdachte, um so gewisser wurde sie sich, dass man unnatürliche Dinge mit ihr trieb, die durch Worte hervorgerufen worden waren, dass man sie verflucht hatte.
Eigentlich hatte sie es ja schon immer gewusst!
Sie wusste, dass die Flüche eines betrogenen Mädchens ebenso sicher in Erfüllung gingen, wie die einer Schwangern.
Das hatte sie selbst erlebt: damals, als die schwangere Hauberin den Teich neben der Mühle verflucht hatte. Daraufhin hatte kein Mensch mehr einen Fisch daraus zu essen bekommen.
Plötzlich standen die Worten über ihr, die der schwangeren und übelbeleumdeten Anna einfach so in einer Art Wut entwischt waren, und die sie, Christina,  aus ihrer Erinnerung geschoben hatte: „Du sollst keine guten und gesunden Tage mehr haben, sollst blind, lahm und krumm werden. Das fallende Übel soll über dich kommen!“
Christina stürzte wieder aus dem Bett und begann ihre Kammer zu durchwühlen. Sie wusste selbst nicht, nach was sie suchte. Es musste etwas sein, was nicht ihr gehörte, etwas, was nicht ohne Mühe zu finden war und was demnach nicht einfach so unter ihrem Bett oder in der Truhe lag, sondern etwas, was sich verborgen hielt. Etwa einer kleiner eitergelber Kieselstein, der dafür sorgte, dass es unter ihrer Haut kribbelte und krabbelte, solange er sich in ihrer Kammer befand. Oder ein kleines Säckchen, das sehr viele Dinge enthielt, wie Körner als auch Samen, in das Knochen, Haare, Sauborsten, Kalk, Wachs und anderer Unflat eingenäht war, der Raserei und Sinnesverwirrung bewirkte, dass sie unsinnig im Haupt wurde.
Sie riss das Kissen auf, zertrennte ihre Kleidung, selbst die feinste Naht. Doch sie fand nichts. Keine wunderlichen Samen, keine Knollen, die sie nicht kannte, keine Rossnägel, kein farbiges Pulver, keine Bänder, Netze und Federn, die ihr fremd vorkamen, keine Häute und kein wächsernes Männchen, wodurch sie gequält werden sollte, auch keine Krötenknochen und die feinen Knochen eines ungetauften Kindes.
Aber was braucht ein Fluch anders als Hass, dachte sie, als sie vor den zerfetzten Kleidungsstücken stand, die jetzt nichts anderes mehr als Scheuerlappen waren. Hass und Fluch gehörten zusammen wie Liebe und Versöhnung. Wenn sie sich recht besann, hatte sie den Duft von Annas Hass geradezu gespürt.