Mittwoch, 23. November 2011

Parasit


Aber nicht nur ihr Körper hatte sich verändert, - an Bauch und Busen hatte sie zugenommen - sondern auch der Umgang mit ihm, mit ihrer Nacktheit und ihrer körperlichen Ungezwungenheit: Sie zeigte sich kaum mehr auf der Straße, und wenn, dann bedeckte sie sich sorgfältig, ja schirmte sich selbst gegenüber den Blicken nächster Verwandter ab und wandte im gemeinsamen Bett der Schwester den Rücken zu. War das die Liebe, von der alle sprachen?
© Nicola Goedecker
Auch im Inneren hatte sich etwas verändert, tief in ihr drin. Aus ihrer Brust stieg etwas zur Kehle hoch, sie hatte das Verlangen, wild, mit fremder Stimme aufzuschreien. War das auch die Liebe? Diese Frage plagte sie seit einigen Tage und ließ ihr keine Ruhe. Seit jenem unvergesslichen Samstag, als sie mit Friedhelm im Stroh gewesen war, hatte sie recht oft ein ähnliches Gefühl, sie spürte etwas Ungekanntes in sich. Wenn sie beten wollte, vermochte sie es nicht: irgendeine Kraft schnürte ihr die Kehle zu und wollte die Brust mit irrsinnigem Geschrei zerreißen. Zuweilen kam sie sich so leicht vor wie eine Feder, so leicht geworden, als könne sie sich alsbald erheben, davon fliegen und Unheil anrichten.
Ob es wirklich wahr war, was der Herr Geheimrat jeden Sonntag zu seinen Gästen am Mittagstisch sagte, dass der Mensch dem Menschen ein Schmarotzer war? - Ein Parasit, wie er es  sehr zum Ärgernis seiner Gattin auszudrücken pflegte? Wenn es wirklich wahr war, was würde dann jetzt Friedhelm spüren?

Dienstag, 22. November 2011

Tanz

In dem Moment, als jemand die Beleuchtung dämpfte und eine neue Tanzrunde ansagte, spürte Anna eine Hand an ihrem Ellbogen.
»Tanz, mein Kind, tanz«, flüsterte der kleine Mönch, indem er sich um seine eigene Achse drehend von ihr wegbewegte. »Die Musik öffnete die Luftlöcher des Körpers, aus denen dann die bösen Geister ausziehen können.« Er tänzelte gestikulierend wieder auf sie zu, den Kopf nach oben und den Rücken leicht nach hinten gelehnt, setzte Schritt vor Schritt. Dann rief er: »Die Töne sind Luftbewegungen und die Geister luftige Wesen.« Er wirbelte im Saal umher. Das Licht der Fackeln glitt über ihn hinweg. Die kleinen Augen hinter den beiden Fettwülsten seiner Lider öffneten und schlossen sich hektisch.
»Spielt schneller«, rief er zu den Musikanten, »spielt schneller. Denn schnellere Musik ruft schnellere Lufterschütterungen hervor und versetzt die Lebensgeister in schnellere Bewegung.« Speichel klebte auf seinem Mund.
Anna fühlte, wie sich ihr Herz zusammenzog bei seiner Erklärung. Sie starrte ihn an. Dann lachte sie kurz und hart auf, als wollte sie sich gleich über ihn lustig machen. Stattdessen aber zog sie den Mantel aus, warf ihn auf den neben ihr stehenden Stuhl und stürzte tanzend und springend auf ihn zu.

Montag, 21. November 2011

Im-Biss






»Meine Großmutter«, sagte er in einem Ton, als ob er mit diesen Worten etwas ganz anderes ausdrücken wollte, »pflegte in einem solchen Fall immer zu sagen: Du sollst nicht füttern, was dich zerfrisst.« Er sprach mit leichtem Spott, war aber zugleich äußerst erregt, blickte argwöhnisch um sich, kam bei jedem Wort aus dem Konzept, so dass alles zusammen mit seinem hektischen Aussehen und dem seltsam flimmernden und gleichsam ekstatischen Blick unwillkürlich die allgemeine Aufmerksamkeit an ihn fesselte. 

Freitag, 18. November 2011

Erlösung


Sie hatte bloß darauf gewartet. Als sie die Wohnungstür aufschloss, wusste sie, dass es jetzt geschehen würde. Vielleicht war es sein unbekümmertes Lächeln, die entspannte Haltung seiner Hand. Sie warf einen Blick auf die Garderobe und ging, ohne den Mantel abzulegen, langsam auf ihn zu. Sie sagte nichts. So stand sie da, während das Sonnenlicht durch das Fenster drang und sich auf ihrem versteinerten Gesicht zu sammeln schien.
„Na, du bist ja schon da“, sagte er.
Sie sagte immer noch nichts und ging die Stufen nach oben zum großen Kleiderschrank, um ihren Koffer zu holen. Sie ging langsam Schritt für Schritt. Sie hatte es jetzt nicht mehr eilig. Ungefähr auf halber Höhe hielt sie inne, vielleicht eins, zwei Minuten lang, als hätte jemand ihre Schritte eingefroren. Dann drehte sie sich um. Wie ein Schatten stand sie auf der Treppe und ließ ihre kleinen, harten Augen, die nirgendwo hinblickten, über das Geländer schweifen. Jetzt würde sie ihn wieder fragen, ob er eine andere hätte. Sie suchte nach Worten, überlegte hin und her; und alle die sich ihr auf die Lippen drängten, kamen ihr missverständlich, ja doppelsinnig vor, zu verfänglich, geeignet, um zahllose Möglichkeiten zu befruchten, gerade wie hunderte von Wurzeln aus unbekannten Samen sich entwickeln. Er würde sich wieder aus diesem Wurzelwerk herauswinden.
„Nein“, würde er sagen. „Wo denkst du hin!“ Oder: „Du bist so schrecklich eifersüchtig!“ Oder etwas ganz anderes.
Sie setzte sich auf die Stufen, wie in Zeitlupe, die Arme gestreckt und aufgestützt, nicht um weiter nach Worten zu suchen, nicht um sich Zeit für ihre Rede zu nehmen, sondern um die Bedeutung des Moments zu unterstreichen. Sie saß zu Gericht.
„Ich vertraue dir nicht mehr“, sagte sie und blickte ihm ernst ins Gesicht. „Es ist mir gleich, ob du eine andere hast oder nicht. Ich vertraue dir nicht mehr.“
Sie stand auf, drehte sich um und setzte ihren Weg mit wässrigen Augen fort, ohne auf eine Entgegnung zu warten. „Sich durch die Liebe erlösen zu wollen“, sagte sie noch, mehr zu sich selbst als zu ihm, „oder durch die Liebe erlösen zu wollen, ist einer der fatalen Irrtümer der Menschheit.“ 

Donnerstag, 17. November 2011

Aussehen


»Weißt du, ich bin nicht gern unter Menschen«, sagte er und schwieg. Er starrte sie mit seinen Teleskopaugen erwartungsvoll an. Die dichten Augenbrauen berührten sich fast an der rauen Stelle über seiner krummen Nase.
Sie reagierte aber nicht und dachte an seinen hässlichen purpurfarbenen Penis. Sie sah, wie sich die Muskeln an seinem Kiefer wieder spannten, um jetzt vielleicht die entscheidende Frage zu stellen.
Sie schreckte davor zurück, noch ehe er fortfuhr, und wollte nichts wie weg. »Das Aussehen ist dem Menschen nicht verfügbar«, hörte sie ihre Mutter in ihrer Erinnerung sagen und blieb stehen. »Er kann nichts dafür, dass er so hässlich ist. Er kann wirklich nichts dafür. Auch, wenn du glaubst, er könnte etwas dagegen tun. Durch Sport, eine kosmetische Operation oder was auch immer. Er bleibt so, wie er ist, und empfindet die Ohnmacht, seine eigene Situation nicht verändern zu können, ständig als Demütigung. Und gerade deswegen ist er nichts für dich.«

Mittwoch, 16. November 2011

Kartographie des Schmerzes

»Mit gekreuzten Armen stand Ackermann da. Inmitten all der triumphierenden Gesichter von Professoren und Studenten, in diesem Wirbel von Händeklatschen und Getrampel und Hohngeschrei, in dieser narrenhaften Raserei, deren Mittelpunkt er war, in dieser losgelassenen Schadenfreude – war in ihm Grabesdüsternis. Er war gescheitert. Es war aus. Er konnte weder sein Gesicht im Zaum halten, noch seine Zuhörer, die ihn mit Beleidigungen überschütteten. Er erlebte es, dass seine Bestimmung an einem tollen Ausbruch von Lachen zerbrach. Nur weil er behauptet hatte, das Leben beruhe lediglich auf einem körperlichen, einem materiellen Prinzip. Das war nicht wieder gut zu machen.
Wer gefallen ist, steht wieder auf, aber wer, wie er, zu Staub zermalmt wird, erhebt sich nicht mehr. Das jedenfalls dachte er damals, dachten alle, nachdem man ihn aller akademischer Würden beraubt und aus der wissenschaftlichen Societät ausgeschlossen hatte, – ihn, den großen Ackermann, ein gern gesehener Gast an allen deutschen Höfen, zumindest bevor er diese grandiose Rede, - wie er noch heute fand -  vor der wissenschaftlichen Gemeinde in Berlin gehalten hatte. Zum Glück hatte er nicht aufgegeben.
Er konnte sich noch gut an diesen Frühling anno 1756 erinnern. Es war frühsommerlich warm gewesen, und dieses Nichtstun nach der Suspendierung, von dem er nicht mehr hatte lassen können, hatte ihm gut getan.  Er blühte wieder auf, gewann seine alte Stärke zurück. Gleichzeitig wurde er den Gedanken aber nicht mehr los, dass etwas in ihm schlummerte, dass sich etwas sammelte, das irgendwann hervorbrechen würde. Er dachte oft über die Demütigungen nach, die man ihm zugefügt hatte, aber vor allem an den Schmerz, der langsam abnahm, als sich in ihm die Idee zu einer topographischen Darstellung desselben verfestigte.
In grausamen Versuchen, ja grausam – wie er sich jetzt selbst eingestand – durchleuchtete er daher anstelle von lebenden Menschen systematisch Hasen, Hamster, Mäuse und Ratten, sogar Hunde und Katzen - wenn er sich recht entsann, waren es über die Jahre hunderte von lebenden Tierkörper jeder Art gewesen –, indem er ihre Körperteile, von der Haut über die verschiedenen Organe bis hin zum Knochenmark, mit einem speziellen Skalpell freilegte und dann reizte: mit Nadeln, Zangen, Messern, mit Schwefelsäure, Vitrioöl und Spiegelglasbutter. Was er so ans Licht brachte, war eine imposante Landkarte des Schmerzes, eine Klassifizierung der Gewebe nach dem Maß des Zuckens und Schreiens der ihm ausgelieferten Kreaturen. Die methodischen Einwände seiner Gegenspieler, dass ein Tier mit geöffnetem Brustkorb vom Schmerz so gelähmt sei, dass es auf Reizungen der Herzwand nicht mehr reagieren könne, schob er zur Seite. Er wollte endlich beweisen, dass es kein unkörperliches Prinzip brauche, um das Leben zu erklären, keine Seele, die die Organe in ihrer Bewegung anleite.
Dabei hatte er völlig vergessen, dass es gerade der aus den Verunglimpfungen erwachsene Schmerz gewesen war, der ihn zur Durchführung des Experiments getrieben hatte. Er sah den Splitter im Auge seiner Konkurrenten, aber den Balken in seinen Augen sah er nicht.

Dienstag, 15. November 2011

Metaphysisches Raumspray

Ein metaphysisches Raumspray, das die Luft reinigte. Bei dem Gedanken fiel ihr die Geschichte über eine thüringische Stadt am Ende des 18. Jahrhunderts ein, die ihr der Vater einmal erzählt hatte.
Der Name der Stadt war ihr entfallen. Weil der Besuch des Königs unmittelbar bevorstand, ließ der Bürgermeister die Stadt herrichten. Die Bürger wurden aufgerufen die Häuser und Straßen zu schmücken und auch den Abfall zusammenzukehren.
Das tat man sehr gründlich, viel gründlicher als sonst. Aber da man den ganzen Kehricht nicht vollkommen beseitigt, sondern wie immer einfach in die Rinnsteine befördert hatte, begann sich ein enorm widriger Geruch auszubreiten. Es blieb nicht mehr viel Zeit, um den Unrat auf großen Wagen aus der Stadt zu schaffen, denn in der Ferne hörte man schon die Fanfaren des Königs klingen.
In der Not und der gebotenen Eile schien dem Bürgermeister der geniale Einfall eines Stadtverordneten rasche Abhilfe zu versprechen: Und so wurden alle Gefangenen und Vagabunden sofort aus den städtischen Kerkern herausgelassen und in Reih und Glied an die Gestankstätten befehligt, um sodann den Geruch aufzuriechen.
Doch es war schon zu spät. Die Gefangenen und Vagabunden hatten auf Befehl des Stadtkommandanten gerade damit begonnen, die Nasenflügel rhythmisch im Schlage der Trommeln zu öffnen und zu schließen, als die prächtige Kutsche des Königs in die Stadt gefahren kam.
Der König nickte und winkte den Gefangenen zu, weil er sie für brave Bürgersleute hielt. Erst als er seinen Kopf aus der Karosse reckte und den Gestank wahrnahm, bemerkte er, dass hier etwas nicht stimmte. Denn hier war es nicht wie in den anderen Städten seines Reiches, wo es nach Braten, allerhand Gebäck und anderen Spezereien roch und wo man ihm im Sonntagssaat und Fähnchen schwenkend zujubelte.
Er ließ die Kutsche anhalten und fragte den Erstbesten, was hier vor sich gehe.
Als dieser ihm erklärte, was es mit dem Aufzug auf sich habe, zog der König sich sein Schnupftuch vor die Nase haltend in die Kutsche zurück und ließ die Gefangenen ihre Arbeit verrichten.
Bald war der Gestank aufgerochen und der König konnte aus seiner Kutsche steigen.
In diesem Moment kamen die Bürger, die sich peinlich berührt in ihren Häusern verkrochen hatten, erlöst und mit lautem Jubelgeschrei auf die Straßen und Plätze gestürmt. Die Freude war groß.
Der König, dem eine solche Ehrerbietung bislang noch nicht zuteil geworden war, verlieh dem Bürgermeister daraufhin einen großen Orden und gewährte den Gefangenen einen Tag Urlaub.
Fortan aber mussten die Gefangenen und Vagabunden an jedem Samstag auf die Straße, um die Verunreinigung der Luft und die giftigen Ausdünstungen der Erde aufzuriechen. – Genauso musste es mit einem metaphysischen Raumspray sein. Es zog die schlechte Luft einfach auf.

aus: © Neumann, Hubert: Lusthängen. Remscheid 2007.
Bestellung signierter Exemplare unter dem Reiter "Kontakt". 

Montag, 14. November 2011

Einsamkeit


Mathilda schlug die Augen auf. Der Mann, den sie schnaufen gehört hatte, lag immer noch neben ihr. Sofort verließ sie das Bett, ohne sich etwas überzuziehen. Das Gefühl des Erstickens, das die Angst im Moment des Aufwachens in ihr aufsteigen ließ, schob sie zur Seite. Sie öffnete das Fenster, um frische Luft ins Zimmer zu lassen und ging ins Bad.
Während sie in den Spiegel blickte, dachte sie an den Traum, der sie hatte aufwachen lassen, an den sie sich jetzt aber nicht mehr erinnerte. Es war wie mit dem Kuss vorletzten Freitag nach der Arbeit, der etwas in ihr ausgelöst hatte, was sie in der Nacht wieder hatte wachrufen wollen. Es war ihr aber nicht gelungen, so wie es ihr jetzt nicht gelang, sich an den Traum zu erinnern, der mit diesem Gefühl, das sie wiederzubeleben gesucht hatte, zusammenhing.
Wie kam es, dass man nach dem Erwachen, schon ganz der Wirklichkeit wiedergeben, fast immer die Empfindung hatte, als ließe man mit dem Traum irgendein ungelöstes Rätsel hinter sich? Man lachte über seine Unsinnigkeit, wenn man sich zumindest bruchstückhaft an ihn erinnerte, und fühlte zugleich, dass in der Verkettung dieser Unsinnigkeit irgendein Gedanke oder Gefühl enthalten war, das zu unserem wirklichen Dasein gehörte, etwas das in unserem Herzen lebte und schon immer darin gelebt hatte. Der Traum hatte gleichsam etwas Neues, Prophetisches, aber auch Erwartetes verkündet; der Eindruck war stark; er war freudig oder qualvoll, aber worin er bestand und was einem gesagt worden war, konnte man weder verstehen, noch sich darauf besinnen. Vielleicht war es die unbestimmte Sehnsucht nach wirklicher Verschmelzung, nach der Aufhebung der Einsamkeit, was letzte Nacht nicht gelungen war.

Freitag, 11. November 2011

Erlesen



Wenn ein Mensch von Deinem Temperament ein Buch aufschlägt, liest er darin immer nur seine eigenen Gedanken. Er lernt nichts, was nicht bereits in ihm ist.

Donnerstag, 10. November 2011

Käsekuchen

Vor der Kuchenvitrine bleib er stehen und starrte in gebeugter, geradezu unterwürfiger Haltung hinein. Sie sah wie er mit einer Wirgönnenunsmalwasmiene, die nach Mottenkugeln und Kölnischwasser stank, auf den gammeligen Käsekuchen unter der Plastikglocke deutete. 

»Der sieht gut aus«, hörte sie ihn sagen, und fragte sich, wie das alles zusammenpasste. War er denn blind? Sah er nicht, dass der Kuchen schon hinüber war? Wie vertrug sich diese glibberige Masse mit dem Whiskey, den er gerade bestellt hatte? Und wie waren seine demütige Haltung und sein erwartungsfroher Gesichtsausdruck beim Anblick dieser braunen Pampe zu deuten? Das passte nicht zu dem kernigen Kerl, für den sie ihn hielt, für den sie ihn gehalten hatte. 
Er ist sicher ein Schlappschwanz, dachte sie, der wie all die anderen muskelbepackten Typen beim kleinsten Problem Reißaus nehmen; so ein Lehrertyp, der vorgibt alle seine Schüler zu lieben, in Wahrheit aber nur sich selbst lieben kann. 

Aber vielleicht täuschte sie sich? Und alles war ganz anders. Wie bei Konzerten. Wenn man nicht wüsste, dass die Leute dort wegen der Musik oder den Typen auf der Bühne ausflippten und manchmal sogar zusammenbrachen, wenn man nur die Bilder der verzückten Gesichter sähe, wie bei alten Beatlesfilmen, könnte man leicht meinen, man hätte es mit den Hinterbliebenen einer Katastrophe zu tun, mit lauter schmerzverzerrten Gesichtern, die Trauer und Entsetzen ausdrückten. Keine Handlung, keine Ausdrucksform war eindeutig. Man musste alles im Zusammenhang sehen. Oder man brauchte millimetergenaue Kartographien des menschlichen Körpers, besonders des Gesichts und seiner Muskulatur, um Unterschiede zwischen den einzelnen Ausdrucksformen feststellen zu können. Das aber war für sie zu mühsam. Das würde sie zu viel Zeit kosten und Nerven. 

Sie stand auf, packte ihre kleine rosa Tasche, ihren Mantel, blickte schnell nach rechts und nach links, rief ihm »Ich geh mal für kleine Mädchen« entgegen und verschwand auf der Treppe, die sie um Hinterausgang führte.


aus: © Neumann, Hubert: Lusthängen. Remscheid 2007.
Bestellung signierter Exemplare unter dem Reiter "Kontakt". 

Mittwoch, 9. November 2011

In der Schwebe


Schließlich zog sie ihn in einen Winkel des überfülltesten der vier Säle. Sie nahm die Maske ab und sah ihn an, ohne zu lächeln, plötzlich wie entrückt. In diesem Moment mitten im Gedränge ergriff ihn das heftige Verlangen, sie zu küssen, sie zu umarmen und nie mehr loszulassen.
Ihr Mund kam immer näher.
Doch statt aufzurücken, Gesicht auf Gesicht, trat er in einer Bewegung von Schwanken und Zaudern zur Seite. Er ließ es aussehen, als habe man ihn geschubst oder von ihr weggedrängt.
»Warum küsst du mich nicht«, fragte sie immer noch nahe an seinem Gesicht.
Er tat, als habe er sie im Getöne nicht verstanden, lächelte blöde. Sollte er sie wirklich küssen?
Dann kramte er seine Zigaretten hervor, um sich eine anzuzünden. Tief zog er den Rauch ein und blies ihn wieder aus, um sich zu vergewissern, ob er noch lebte. Warum küsste er sie nicht? Warum zauderte er? Er wollte es doch! Es kam ihm vor, als ob die Erde plötzlich stehen geblieben war.
Man könnte im Zaudern eine Art Wahnsinn erkennen, dachte er, einen exzentrischen Augenblick, in dem man nicht nur die Tat, sondern auch die Welt, in der sie sich realisiert, in der Schwebe hält.
Er lachte auf. »Ich werde dich küssen“, sagte er, „aber ich sag dir nicht wann!«

Dienstag, 8. November 2011

Die Stiche der Flöhe


So glaubte die alte, stumpfnasige Vettel täglich, ja stündlich von bösen Geistern umgeben zu sein, welche sie zwar nicht sah, wohl aber zu hören glaubte und welchen sie ihre körperlichen Beschwerden und alle Anfechtungen ihres Gemüts zuschrieb. Fühlte sie Neigung zum Erbrechen, so mussten ihr die Dämonen diese eingeflösst haben, zeigten sich Runzeln auf ihrer Nase, oder hing die Unterlippe leicht herab, so waren wieder die bösen Geister schuldig; ihr Husten, die Verstopfung ihrer Nase oder ihres Mund konnten ebenfalls nicht auf natürliche Weise entstanden sein. Bückte sie sich zum Beispiel um Früchte zu sammeln und stieg ihr währenddessen Blut gegen den Kopf, so waren die Dämonen tätig. Die Stiche der Flöhe und der Läuse waren ebenfalls Werk der bösen Geister. Denn das Ungeziefer selbst stach eigentlich nicht. Es war etwas anderes, was stach. Auch die Zahnschmerzen, die sie immer wieder plagten, waren dämonischen Ursprungs, und wenn jemand in der Nachbarschaft schnarchte, so schnarchte nicht der Nachbar oder die Nachbarin, sondern ein Dämon tat es aus ihm oder ihr heraus. 

Montag, 7. November 2011

Kränze


Er merkte nicht, was um ihn geschah, sah weder die armseligen Röcke, die vergilbten Pelze, die Bärte und Haare, die mit Schweiß durchtränkt waren, noch die vor Wut und Trauer halb irrsinnigen Augen; er spürte nicht das Schneiden des Windes, hörte nicht das Wimmern der Klageweiber, die hinter dem Erdhügel standen; er dachte nur an den einen Satz, den ihm der Tote noch vor drei Tagen ins Ohr geflüstert hatte: »Das Leben bemisst sich nicht an der Anzahl der Kränze!« Und er hatte Recht gehabt, der alte Haudegen. 

Freitag, 4. November 2011

Wahrheit

Eine Reminiszenz an Marc Bloch
Im düsteren Treppenhaus blieben sie stehen. Sie roch die scharfen Küchengerüche. Irgendwo weinte ein Baby. Der alte Mann nahm seinen Hut und legte ihn auf einen wurmstichigen Tisch, der direkt am Eingang stand, ganz vorsichtig, als sei es ein bedeutsames Ritual. Dann senkte er den Blick. Ein Schabe kroch unter der Fußleiste hervor und huschte im Zickzack über eine Treppenstufe.
»Das ist meine kleine, nicht immer ganz saubere, nicht immer von den edelsten Leidenschaften beseelte, alles in allem doch ziemlich erbärmliche Welt«, sagte er, während er sich am Geländer festklammerte. »Mein ganzes Leben lang habe ich nach Aufrichtigkeit im Ausdruck wie im Denken gestrebt.« Seine Stimme klang schleppend. Es war, als müsste seine Zunge beim Sprechen kleine Steinchen aus der Tiefe seines Körpers holen. »Und was hat es genutzt?« Er machte eine beschwichtigende Handbewegung, lächelnd. »Nichts.« Er war drauf und dran, wieder umzukehren, schüttelte dann aber den Kopf und stieg die Treppe hinauf. »Trotzdem aber halte ich Duldsamkeit gegenüber der Unwahrheit, unter welchem Vorwand auch immer sie geübt werden mag, immer noch für die schlimmste Seuche des Geistes.« Er streckte einen Moment lang die Arme aus, als suche er festen Halt, als segne er die Erde oder wolle die Welt in ihrer Unrast bremsen. »Wie ein Größerer als ich«, sagte er, »wünsche ich mir, dass Sie auf meinen Grabstein die schlichten Worte ›Dilexit veritatem‹ setzen.«

Donnerstag, 3. November 2011

Normalität


Als sie sein Zimmer betrat, stieg ihr ein säuerlicher, stechender Geruch, wie von sehr reifen Früchten, in die Nase. Der alte Mann saß im braunen Ledersessel vor dem Fenster. Es sah aus, als starrte er auf den Boden. Während sie näher kam, blickte er auf und sah sie unverwandt an. Dann zeigte er auf den großen Fleck auf der Hose zwischen seinen Beinen. »Es ist einfach so gekommen«, sagte er. »Ich hab’s nicht gemerkt.«
Der alte Mann war von einem auf den anderen Moment geschrumpft. So kam es ihr jedenfalls vor. Er wirkte wie ein kleiner Junge, den sie an die Hand nehmen und durch die Welt führen wollte, obwohl er die Welt – weiß Gott – besser kannte als sie.
Als sie ihm die Hose öffnete, lachte er. Es klang verbittert. »Früher«, sagte er, »ja früher war das ein heiliger Moment, in dem sich meine Zukunft immer wieder aufs Neue entscheiden konnte.« Sie verstand zunächst nicht, was er damit meinte, doch dann ergänzte er: »Sie müssen wissen, ich war früher ein richtiger Casanova. In jedem Hafen eine Braut.« Er blickte sie an, als ob er ihr gleich einen Antrag machen wollte und sagte: »Aber keine Ehefrau.« Sie sah, wie ein Zucken über sein Gesicht ging. »Vielleicht ist Einsamkeit der Preis für über hundert Frauen im Bett?« Seine Stimme schien von einem unbestimmten Ort in ihr Bewusstsein zu dringen. Sie dachte an ihre vielen Männer.
Während sie ihm die Hose über die Beine streifte, war er in einem seltsam abwesenden Zustand, als ginge ihn das, was hier geschah eigentlich nichts an. Er lächelte unsicher, ein halbes Lächeln, und zeigte auf die Lache von Urin, die sich auf dem Boden gebildet hatte. »Es wird alles viel zu schnell zur Normalität«, sagte er in einem Ton, als ob er mit diesen Worten etwas ganz anders ausdrücken wollte, als auf seine Inkontinenz hinzuweisen, und dann schließlich doch: »Selbst das Leben.«
Die Tränen rannen über ihre Wangen; sie waren heiß, sie brannte sich in ihre Haut. »Aber doch nicht das Leben«, sagte sie. Ihre Stimme war nur noch ein heiseres Heulen. Sie erkannte sich selbst kaum wieder.

Mittwoch, 2. November 2011

Alkohol und Wahnsinn


Sie hob den Blick von den leeren Whiskeyflaschen und schaute mich betrübt an. 
Als ich ihre Hand zwischen meiner spürte, bemerkte ich, dass sie weich und zart war, und mir kam der Gedanke, dass wir uns zum ersten Mal auf diese Weise berührten. Einige Sekunden lang herrschte eine verdächtig feierliche Stille. »Meine Freunde«, sagte sie plötzlich, »schreiben meinen Wahnsinn dem Alkohol zu und nicht den Alkohol dem Wahnsinn, dem alltäglichen Wahnsinn. – Damit ist doch alles gesagt? Oder?«

Montag, 31. Oktober 2011

Phantasie


»Und was ist mit den Hungernden am Horn von Afrika? Berühren sie dich nicht?«, fragte er und wartete auf eine Antwort.
Sie aber gab ihm noch nicht einmal durch ein Wimpernzucken zu verstehen, dass sie seine Frage auch nur gehört, geschweige denn verstanden hatte.

Er wollte noch etwas hinzufügen. Doch dann begann sie auf dem Bett zu wippen, als säße sie auf einem Schaukelpferd. Sie wippte ein paar Mal vor und zurück, so heftig, dass sie mit dem Hinterkopf gegen die Wand schlug. Dann lachte sie los.
»Hast du dir weh getan?«, fragte er besorgt, obwohl sie lachte.
»Nein, nein!«, sagte sie. »Woher denn? - Du hast zu viel Phantasie.«
»Wieso Phantasie?«
Ihre Hand streifte an seinem Oberschenkel entlang. »Naja, man muss eine starke Einbildungskraft haben, um Mitleid empfinden zu können.« Sie berührte seinen Nacken und schmiegte sich an ihn, um seinen Atem zu spüren. »Vielleicht gilt das ja auch für die Liebe?«

Freitag, 28. Oktober 2011

Opfer


»Wer einen Menschen tötet«, sagte der alte Mann, »der tötet einen Menschen. Doch wer sich selbst tötet, der tötet alle Menschen.« Der alte Mann beugte den Kopf und bedeckte müde seine Augen mit der Hand. Für eine lange Weile blieb er so stehen, und sie wagte nicht, ihn zu stören. Dann seufzte er und schüttelte sich, als wolle er eine große Müdigkeit abstreifen. »Und was den Selbstmörder angeht«, fuhr er fort und schenkte sich ein ganzes Glas Vodka nach, den er in einem Zug hinunterstürzte, »so löscht er die ganze Welt aus.« Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Ich wollte das nicht. Ich hatte ja jemanden zum Reden.« Dann nahm er die ganze Flasche und setzte sie an. »Der Vodka hört mir immer zu«, sagte er.
Sie wusste, dass er das manchmal brauchte, auf diese Weise ließ er die Toten hinter sich, die in Lidice in die frische schwarze Erde gesenkt worden waren.
»Warum«, fragte sie, während sie das Bettlaken glatt strich, »ist es für einen Überlebenden so entsetzlich, nicht angehört zu werden?«
»Ganz einfach«, antwortete der alte Mann. Er blickte sie an, und seine hohe Stirn verlieh ihm den Ausdruck von Nachdenklichkeit. »Als ich ein kleiner Junge war,« sagte er, »gab mein Vater jedes Mal, wenn er von seiner Arbeit im Stollen nach Hause kam, vor, mich nicht zu sehen. Für ihn war das eine Art Spiel, aber für mich eine Folter. Weil er sehr viel länger auf meiner Unsichtbarkeit beharrte, als ich es ertragen konnte. Nicht gesehen zu werden, bedeutete für mich, nicht zu existieren, ausgelöscht zu sein. Und dementsprechend bedeutet, nicht gehört zu werden, zu einem Opfer geworden sein, das für die anderen nicht existiert.« Er schlug die Augen nieder und versank in finsterem Schweigen.

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Sehnsucht

Zu diesem Zeitpunkt war sie schon süchtig gewesen nach ihm. – Nein, man wacht nicht eines Morgens auf und beschließt, von nun an ein Leben als Süchtiger zu führen. Man wacht auch nicht auf und fällt Entscheidungen. Man wacht eines Morgens auf und hat Entzugserscheinungen, erst sehr viel später weiß man, dass man süchtig ist. –Sehnsucht ist die Sucht nach Überwindung von Zeit und Raum. Und sie konnte es kaum erwarten, beides zu überwinden, um ständig bei ihm zu sein. 

Mittwoch, 26. Oktober 2011

boshaftes Schicksal

»Das Schicksal ist auch auf eine andere Weise sehr boshaft«, sagte der alte Mann und schob seine Mütze aus der Stirn, sodass vier dicke, fette Furchen zum Vorschein kamen. »Ich muss das wissen.« Er presste die Lippen zusammen, als ob er das zu Äußernde noch unterdrücken wollte, öffnete dann aber den Mund und sagte schließlich: »Das Schicksal lässt uns immer erst ein paar Jahre später merken, wie komisch wir in bestimmten Momenten waren.« Wieder schwieg er eine Weile und sah mich mit seinen kleinen bernsteinfarbenen Augen eindringlich an. »Mir fallen jetzt viele Momente ein. Allein der Augenblick, bevor ich meine Frau zum ersten Mal küsste, ist so komisch, dass ich mich noch heute frage, wie es überhaupt dazu kommen konnte.«
Sie wollte ihn fragen, was denn daran so komisch gewesen war, doch da war er schon wieder in seiner Geschichtslosigkeit verschwunden.

Dienstag, 25. Oktober 2011

Reifeln

»Weinfässer“, lallte der dickere der beiden alten, besoffenen Küfermeister, die aus dem Wirtshaus „Zum Bären“ getorkelt kamen, „platzen, wenn man…“ Er hielt einen Moment inne, suchte Halt an der großen Pferdetränke vor dem Wirtshaus, spreizte ein wenig die Beine und ließ krachend einen Wind fahren. »…wenn man nicht von Zeit zu Zeit den Deckel öffnet und die Luft herauslässt!«
»Wem sagst du das!«, gab ihm der andere, ein Glatzkopf, unüberhörbar rülpsend zurück. »Sonst gerät das Fass außer Rand und Band und wir… wir müssen’s wieder reifeln!«
„Genau!“, pflichtete ihm der dickere bei und machte eine Bewegung auf ihn zu. Er schlingerte und bekam gerade noch ein Zipfel von dessen Wams zu greifen, sonst wäre er in den stinkenden Stadtbach geschlittert; ein Rinnsal, in das nach Belieben alles geschüttete und geworfen wurde, was man auf den Straßen und in die Häusern nicht dulden wollte. »Man muss den Unflat von sich treiben«, fuhr er unbeirrt fort. »Sollt’ man wegen eines Fürzleins krank werden?« Bekräftigend klopfte er seinem Saufkumpanen auf die Schulter. »Nein! – Da ist es doch besser diesen Dampf herauszulassen, als lange beim Doktor zu liegen! – Selbst die Ärzte sagen nur gute Dinge über den Furz, mein Freund!« Er verstummte für eine Weile und starrte seinen Gefährten mit glasigen Augen an. »Zwinge nie die Hinterbacken, den Lärm bei sich zu behalten. Gleich hast du Bauchgrimmen und Magenkrämpfe, Schwindel und die langsame Wassersucht.«
»Jawohl!«, entgegnete der Glatzkopf. »Lass fahren, was keine Lust zu bleiben hat!«
»Ja, lass fahren!«
Schweigend lagen sie sich in den Armen und blickten in den sternenklaren Himmel. Nach einer Weile setzten sie ihre Unterhaltung ein wenig bekümmert fort: Früher, sagten sie, ja früher sei alles sehr viel besser gewesen. Da hätte einjeder auf seine Fässer und besonders die Weinfässer geachtet und die gärende Luft nicht weniger als zweimal die Wochen aus ihnen herausgelassen. Aber heutzutage… Wie viel unnötige Arbeit hätten sie heutzutage mit zerborstenen Weinfässern, weil sich niemand mehr die Mühe mache, nach diesen zu sehen, wenn es in ihnen rumore und brodele. Wie bei den Fässern, so bei den Menschen, weiteten sie das unerschöpfliche Thema aus. Der innerliche Druck mache das Leben unmöglich, gäbe es da kein Gleichgewicht zwischen der von außen kommenden und der im Körper enthaltenen Luft, ein heikles Gleichgewicht, das beim Menschen durch Rülpser und Fürze, aber auch durch das Atmen, und bei Fässern durch Entlüftung beständig aufrechterhalten werden müsse. - Genauso sei es auch beim Gemeinwesen: Ab und zu müsse man auch da den Deckel auftun und die schlechte Luft herauslassen.
»Sonst gerät alles außer Rand und Band«, bekräftigte der Glatzköpfige.
»Und der himmlische Küfer dort droben«, ergänzte der Dicke tiefsinnig und zeigte in den Himmel, »muss dann alles wieder reifeln!«
»Jawohl! – Die Reifen immer schön feste anziehen und verschieben, damit alles seine gebührende Form und Festigkeit behält!« Fast regungslos stand der Glatzköpfige da, die gespreizten Beine mit letzter Anstrengung in den Boden gepflockt und starrte in den Himmel. »Wie hier unten, so da droben!«, verkündete er würdevoll. Leicht nur wippte sein Oberkörper.

Montag, 24. Oktober 2011

Rasierklinge

»Warum verlässt du ihn nicht? Warum lässt du es immer wieder zu, dass dieses Arschloch dir weh tut? Das ist gerade mal so, als würde man eine Rasierklinge lieben, die einem die Kehle durchschneidet, weil das nun einmal ihr Wesen ist.« Sie schüttelte sich...


Donnerstag, 20. Oktober 2011

Verlässliche Ratschläge


»Wir reden von zwei verschiedenen Dingen«, sagte er und schob sich eine Zigarette in den Mundwinkel.
»Lass mich in Ruhe«, zischte sie. Ihr Blick wurde kühl und undurchdringlich. »Ich kann mir nicht helfen.« Sie beugte den Kopf und bedeckte müde ihre Augen mit der Hand. Für eine Weile blieb sie so stehen.
»Doch das kannst du.«
»Nein, wie oft soll ich es dir noch erklären. Ich kann es nicht. Verständig, klug, ja weise, wenn du so willst, bin ich nur in solchen Dingen, die andere Menschen angehen, aber nicht mich selbst«
»Und was ist mit deinen guten und verlässlichen Ratschlägen?«
»Meine guten und verlässlichen Ratschläge«, wiederholte sie spöttisch und schaute zur Decke empor, auf der eine düstere Fliege hin und her irrte. »Gelten nicht für mich. Kapier das doch endlich. - Es ist wie bei einem dieser leidigen, aufgeplusterten Coachs, die überall wie Pilze aus dem Boden sprießen, weil sie jeder zu brauchen scheint. Lass ihn in einer schwierige Situation geraten, und mit einem Schlag wird dieser vermeintlich lebenskluge Mann ganz klein und hässlich. Er hat sich in einen kläglichen Schwächling, in ein hilfloses Kind oder, wie du sagen würdest, in einen Waschlappen verwandelt.«

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Kitschmensch


»Ich will dich nicht täuschen«, wiederholte er freundlich, um sie nicht zu verletzen und strich ihr durch das Haar. »Ich fühle für dich nicht das Gleiche wie du für mich. Es ist besser, dass ich es dir sagen, oder?«
Sie gab ihm keine Antwort, ja hörte ihm noch nicht einmal zu, sie dachte an die Bankenpleite, von der er gerade noch gesprochen hatte, an den Dominoeffekt und die kommende Wirtschaftskrise. Im Grunde genommen war das keine üble Sache; es bedeutete, endlich die allem Leben wesentliche Unsicherheit zu spüren, die zugleich lust- und schmerzvolle Unruhe, die jede Minute in sich barg. Es hieß, ganz im Augenblick, statt in der Zukunft zu leben. Gewöhnlich schrak sie vor einem solchen Gedanken zurück, aber jetzt war sie es satt, sich in Sicherheit zu wiegen, sich für die tiefe Spannung ihres Schicksals unempfindlich zu machen, indem sie sich der Gewohnheit, der Illusion von Geborgenheit und anderen Betäubungsmitteln hingab, aber sie wollte endlich leben. Sie wollte sich keine Illusionen mehr machen, die jedes Wagnis, alles Neue unterbanden. Sie wollte keiner Selbsttäuschung mehr erliegen und jede Form von Begeisterung als Verblendung abtun. Je mehr sie darüber nachdachte, umso klarer wurde ihr, dass ein Optimist zwar häufig Niederlagen entgegenging, in der Welt aber viel mehr in Gang brachte, als ein Pessimist und ein ewig gemäßigter Mensch wie sie einer war, die jedes Risiko, jedes unbezahlte Engagement für eine gute Sache für eine Schwäche oder eine Dummheit hielt.
»Ich fühle für dich nicht das Gleiche wie du für mich«, wiederholte er nochmals, aber so eindringlich, dass er sie dieses Mal aus den Gedanken riss.
»Na und«, sagte sie, ohne dass ihr Tränen in die Augen traten. »Was ist denn schon dabei. - No risk no fun!«

Dienstag, 18. Oktober 2011

Wäschelektüre


Die kleine Maria setzte diese Art der Lektüre in der alltäglichen Schmutzwäsche ihrer Auftraggeber fort. Der Klatsch der alten Waschweiber half ihr dabei. Als wahre Romane erwiesen sich die leinenen Laken, in denen sich Nacht für Nacht die feinen Bürgersleute wälzten und so ganz nebenbei , ohne es zu wollen,  geheime Zeichen hinterließen. Wie in einem Buch vergrub sie sich  darin, trug die unterschiedlichsten Flecken und Spritzer zusammen und erschloss sich aus ihren Farben und Formen ein Geflecht aus ebenso geheimen Verbindungen: Aus den Flecken buchstabierte sie bald Worte, mit den Worten bildete sie Sätze, aus den Sätzen Geschichten und aus den Geschichten schließlich die wahrhaftige Chronik der Stadt. Am verräterischsten war die Leibwäsche.  Diese  trächtige Tracht, die eigentlich als Schirm der Nacktheit gedacht war, enthüllte in Wahrheit das unverstellten Wesen ihrer Besitzer. Denn die Spuren des Lebens waren hier besonders dicht gedrängt.
Während sie in der Wäsche las, erspürte sie die reifenden, platzenden Leiber, sah den milchigen Sieg des Verführers und das feuchtwarme Blut seines heimlichen Duells. – Ein wahrer Blutregen ging im heißen Mai auf die Bettlaken des Städtchens nieder. – Maria bemerkte oft wie das monatliche Blut ausblieb und erkannte wenig später die ranzig geronnene Milch. Sie roch den Ziegengestank einsamer Achselhöhlen, den Schweiß der Qual, der Angst und des Fiebers. Sie folgte dem Sog der Gerüche und erkannte die Vorzeichen des körperlichen Verfalls. 

Montag, 17. Oktober 2011

Der Wissende

„Es ist keine neue Erkenntnis“, sagte der Physikus, „dass der Wissende sich dem Unwissenden anzupassen hat. Da es umgekehrt nicht geht.“ Er machte eine Pause und blickte sie eindringlich an.
Sie fühlte sich trotz des Aderlasses immer noch seltsam, als wäre sie inwendig hohl und ihr Körper nur Haut und Knochen, ein aufgeblasener Ballon, den man mit einer feinen Nadel zum Platzen bringen konnte. Hinzu kam ein unerklärliches Kribbeln, fast so, als verspüre sie krabbelnde Ameisen direkt unter der Haut, manchmal auch ein Pochen in einzelnen Körperteilen, besonders in den Gliedmaßen, das mit unangenehmen und ebenso unerklärlichen Stichen und einer Hitze einherging, die von den Füßen zum Kopf hochstieg und vom Kopf zu den Füßen ging. 

Freitag, 14. Oktober 2011

Charme einer Frau


Der harte, eigenartige Ausdruck ihrer Augen beeindruckten ihn. Er senkte den Kopf, als forderte ein tiefer Gedanke ganz plötzlich seine ganze Konzentration, während ihm ein säuerlich stechender Geruch, wie von sehr reifen Früchte in die Nase stieg. »Der Charme einer Frau«, begann er ohne Hast und sein kleiner Adamsapfel bewegte sich langsam auf und nieder,  »liegt in den Dingen, die man nicht auf den ersten Blick gewahrt. Gewiss haben die anderen, die offen zur Schau getragenen, auch ihren Wert und Wirkung. Aber kein Perlengehänge, keine plakative Mundbemalung, keine noch so hoch getürmte Frisur hat den tiefen unergründlichen Reiz eines nicht nachweisbaren Dufts, eines dezenten Lidstrichs, einer unbeabsichtigten Nachlässigkeit, die man zunächst gar nicht zu sehen meint, wie etwa der leicht verrutschte Träger eines Kleides.« Er nickte, um zu bekräftigen, dass er die Wahrheit sagte, seine Wahrheit, die ihn zu ihr geführt hatte. 

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Wassersucht

Gewiss bei ihrem Bauch konnte man fast meinen, dass sie mit einem Kind ginge. Ihr ganzer Leib hatte sich verändert: die Brüste waren angeschwollen und deren Warzen röter geworden. Sie hatte nicht mehr denselben leichten Gang und musste sich öfter hinsetzen. Man konnte es gewahren, wenn man wollte. Schließlich war sie stets unterwegs, ging täglich zum Markt, holte Wasser, arbeitete im Wirtshaus und manchmal im Feld, sammelte Holz, schnitt Gras und saß zum Mindesten dreimal die Woche in der Kirche. Auch spürte sie jeden Morgen ein Würgen im Hals. Sie neigte mehr zum Aufbrausen und war verdrießlicher als sonst. Aber sie spürte nichts in ihrem Bauch, außer, dass er sich bisweilen aufblähte wie ein Schwamm voller Wasser, um gleich darauf wieder zu vergehen. Anfangs zweifelte sie am Vorhandensein der zarten, aber beunruhigenden Regungen, die sie von außen heimzusuchen und wie plötzliche Lichtstrahlen zu durchfahren schienen, als ob sie nicht den Mut gehabt hätte, sich ihr Unbehagen zu erklären, dass da etwas in ihr schlummerte, dass sich etwas ansammelte, das irgendwann hervorbrechen würde. Sie sah einfach darüber hinweg und legte sich schließlich eine Erklärung zurecht, als sie bemerkte, dass ihre monatliche Reinigung ausgeblieben war. Gewiss ihre Blutungen verhielten sich mehrenteils sehr unordentlich, nicht wie bei anderen Weibern, bei denen – wie beim Mond – eine wechselseitige Beziehung mit der Zeit bestand. Daher nannte man sie ja auch die Regel – oder Mondblut. Bei Aufregung etwa setzten sie mitunter mehrere Wochen aus, oder wenn sie Most getrunken, eine Kernsuppe gegessen oder zu heftig getanzt hatte. Dann empfand sie ihren Leib morgens dünn, abends aber hart und dick. Die Härte ihres Leibes war dieses Mal aber geblieben. Dies rührte, wie sie anfangs glaubte, von einer Verstopfung des Geblüts. Das monatliche Blut war demnach in ihre Brüste und ihren Unterleib gezogen, statt auf natürlichem Wege ausgeführt zu werden, und hatte dort Geschwülste gebildet, die ihres Dafürhaltens nach, bald aber wieder hätten vergehen sollen. Das waren sie aber nicht.
Daher war sie, zwei Wochen bevor die Nachbarsweiber auf ihrer Türschwelle erschienen waren, Anton Kempe, den Barbier, dem man die Heilgabe nachsagte, um Rat und Hilfe angegangen. Das ganze Volk lief zu ihm.
Der große, hagere Mann mit den himmelblauen wachen Augen strich mehrmals über ihren Bauch, nachdem er seine Hand mit seinem eigenen Speichel benetzt hatte. Er dachte lange hin und her und unterzog sie einem Aderlass.
„Es ist die Wassersucht, die dich quält“, sagte er, „eine üble Krankheit, die die Eingeweide befällt und den Bauch und manchmal auch die Arme und Beine anschwellen lässt. Der Magen ist dann voller faulem Schleim, der ausgeführt werden muss, weil er sich sonst wie die schlechten Säfte und übelriechenden Dünste eines Dunghaufens überall ausbreitet und den ganze Leib mit Gestank verdirbt.“
Er gab ihr einen Schwitztrank von Wein und Safran, um das Geblüt wieder in Gang zu bringen. Es kam aber nicht wieder in Gang. Stattdessen wand und krümmte sie sich am folgenden Morgen, aß drei Bissen und spuckte sie wieder aus und bekam zuletzt überhaupt nichts mehr hinunter.
Sterbensübel ging sie daraufhin zum Wundarzt. Der setzte seine Augengläser ab, klopfte mehrmals fest hintereinander gegen ihren Bauch und horchte, ob dessen Klang dem einer Trommel glich.
„Es ist eine Krankheit im Bauchraum“, sagte er, als ob sie das noch nicht gewusst hätte. Die Wassersucht habe bei ihr angesetzt, erklärte auch er. Sie äußere sich in Schwellungen des Bauches, der Gliedmaßen wie auch der Brüste. Sicher habe sie rohe oder ungekochte oder noch nicht ganz gare Speisen zu sich genommen, die zudem vielleicht übermäßig fettig oder saftlos gewesen seien. Er erzählte etwas von der Galle und der Milz und dem Magen, der an der Innenfläche gerunzelt und aufgeraut sei, damit er die Speisen festhalten könne, wie auch der Maurer seine Steine aufraue, damit sie den Mörtel annehmen und festhalten können, damit er nicht zerfließe oder abbröckele, was sie aber alles nicht recht verstand.
Zwischen all seinen Pulvern, Latwergen, Kräutern, Wurzeln, seinen Näpfchen, Schächtelchen, Destillierkolben, Glocken, Kesselchen und ähnlichem Zeug, das er auf einem wurmstichigen Regal aufbewahrte, kramte er von ganz hinten eine alte Flasche ohne Aufschrift hervor, die bis zum Rande mit einer durchsichtigen Flüssigkeit gefüllt war.
„Dieses Nachtlaxier“, sagte er und schüttet etwas davon in einen Becher, den er Anna anschließend übergab, „führt alle Unreinigkeiten des Magens und der Gedärme ab. Nimm es zu Nacht vor dem Schlafengehen in einem Löffel voll Wein oder Bier.“
Sie tat, wie ihr geheißen wurde, drei Mal, wachte aber in der jeweiligen Nacht regelmäßig mit heftigem Bauchgrimmen auf.
Schließlich wandte sie sich an den städtischen Henker, zwei Tage bevor die Weiber bei ihr aufgetaucht waren, obwohl ihr der Gang zu dem windschiefen Häuschen am Weißenturm nicht einfach gefallen war. Besonders die Aussicht, dass seine rächenden Hände sie vielleicht berühren könnten, bereitete ihr zusätzliche Übelkeit.
Wie viele seines Gewerbes betätigte sich auch Meister Franz als Heilkundiger und wie der Wundarzt versorgte auch er die Knochenbrüche und Wunden der Speyerer Bürger, obwohl ihm alles Medizinern vom Rat aufs strengstens untersagt war. Durch die Kenntnis der Schmerzen der ihm überantworteten Armen Sünder, hieß es, verfüge er über ein nahezu untrügliches Wissen über den menschlichen Leib. Dazu kämen seine geheimen Arzneien, die schon viele Kranke und Gebrechliche zur Heilung und Gesundung verholfen hätten. So sagte man, dass ein Galgenstrick, der durch ihn seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt worden war, um die göttliche Ordnung nach einem Verbrechen wiederherzustellen, Kopfweh und Zahnschmerzen lindere, wenn man ihn um die Schläfe band. Eine ganze besondere Heilwirkung könnten aber auch die Körperteile eines von ihm hingerichteten Armen Sünders entfalten: die Haut eines Gevierteilten helfe gegen die Gicht, das Hirn eines Gehängten gegen den Biss eines tollwütigen Hundes, das Blut eines Enthaupteten gegen die Fallsucht und das Haar von der Scham eines hingerichteten Ehebrechers, in einem Tuch um den Unterleib getragen, gegen die Unfurchtbarkeit. Zu alledem war er in der Urinschau bewandert. Aus dem Kammerwasser könne er neben dem Alter und Geschlecht jedes rätselhafte Leiden seines Besitzers und dessen nächste und entfernte Ursache, sogar dessen Ausgang bestimmen, was Anna letztendlich bewog im Schutze der Dunkelheit mit einem Becher ihres Urins, der zugedeckt bleiben musste, damit der giftige Dunst nicht ausrauchte, zu ihm zu schleichen.
Gott sei Dank, hatte er sie nicht berührt, nur den Becher, den sie anschließend in den Abort geworfen hatte. Den Harn füllte er in ein eigenartiges gläsernes Gefäß, das einem Hufeisen ähnelte. Er hielt es gegen das Licht, drehte es mit prüfendem Blick hin und her und sagte mit ernster Miene: „Das sieht gleichwohl nicht zum Besten aus!“ Und wie die beiden medizinischen Herren zuvor sagte auch er schließlich: „Es ist die Wassersucht.“ Auch er gab ihr ein Heilmittel gegen Entgelt, ein Pulversäckchen, das sie in einen Krug Wein hängen und nach drei Vaterunser trinken solle, was sie zuhause angekommen auch sofort tat, und eine Meerrettichwurzel. Gerieben und löffelweise eingenommen sei sie nützlich gegen die Vergiftung.
Seither war es ihr wirklich besser. In aller Einfalt hatte sie damals gedacht, man könne den Bauch, wenn er weiter anschwelle, unter allerlei seltsamen Zeremonien einfach aufstechen, wie beim Aderlass, um das Wasser wie auch das gestaute Blut herauszulassen. Dann würde sie wohl wieder gesund werden. Keiner der dreien hatte von einer Schwangerschaft gesprochen, ja noch nicht einmal gefragt, ob sie mit einem Mann zu tun gehabt habe, wie es die Nachbarsfrauen taten, als sie stirnrunzelnd ihren dicken Leib betasteten, als hätten sie eine Fährte aufgenommen. Anna hätte es abgeleugnet, wie sie es auch gegenüber den Weibern abgeleugnet hatte, die Beine unter dem Rock zusammengezogen und die Hände zur Faust geballt, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. 

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Schwanger

Es herrschte eine eiserne Stille, als sie zum kleinen mit Tüchern verhängten Fenster in die Küche ging, dessen hölzerner Rahmen zum Schutz vor Wind und Kälte notdürftig mit einer milchigen, aber lichtdurchlässigen Schweinsblase überspannt war. Eigentlich brauchte man das im Sommer nicht, zumal in diesem heißen Sommer kein einziger Windzug ging. Die Luft stand schon seit Tagen und fühlte sich klebrig an, zäh wie aufgeweichtes Brot. Aber die Blase bot nun einmal einen guten Schutz vor den unerwünschten Blicken der Nachbarn und anderer Leute, die in letzter Zeit immer häufiger ungebeten, weder rufend noch klopfend, und am helllichten Tag in den Garten eindrangen und in ihr Häuschen hineinzustarren versuchten. Manche wüteten in ihren Gartenbeeten, säten Unkraut und streuten Glas- und Tonscherben hinein, wenn sie nicht zuhause war. Einmal warfen sie sogar den großen Holzstoß hinter dem Haus um und verstreuten die Scheite in der Stadt. Ein anderes Mal hängten sie das Gartentor aus und warfen es in den Speyerbach. Wer das gewesen war, wusste sie nicht.
Junge Burschen vielleicht, die sie zu schikanieren suchten, weil sie als Frau alleine wohnte? Oder die Nachbarsweiber, die nach Pfingsten vor ihrer Haustür erschienen waren, aber nicht wohlwollend und freundlich, wie das sonst stets der Fall gewesen war, wenn sie eine auf der Gasse traf, sondern im Gegenteil in äußerst gereizter Stimmung. Sie benahmen sich so sonderbar, stürzten sich förmlich auf sie, stießen sie zurück ins Haus und hießen sie in der Küche niedersitzen. Ohne Zurückhaltung begannen sie alle Einzelheiten ihrer Kleidung oder ihres dicken Bauches zu begutachten und mit leiser Stimme Bemerkungen zu machen, die sie nicht verstand. Sie ließ sich mustern. Was hätte sie sonst tun sollen? Eine stieß mit dem Ellbogen nach ihrem Bauch und deutete an, dass ein Gespräch sehr hilfreich sein könne, während die anderen von so verschiedenartigen und abseitigen Dingen sprachen, dass sie anfangs gar nicht herausbekam, was sie eigentlich von ihr wollten. Bis sie endlich mit der Sprache herausrückten.
„Es geht die Rede, du seist in anderen Umständen“, sagte die Meierin, deren Garten hinten an den ihren grenzte. Es klang nicht nach einer Frage, sondern vielmehr nach einer Feststellung, die sie derart verlegen machte, dass sie keine zwei vernünftigen Worte zu entgegnen vermochte und dummes Zeug zusammenschwatzte, das dem unsinnigen und unverständlichen Geschwätz der Weiber in nichts nachstand.
Es stünde wunderlich an, erklärte sie ihnen und gehe ihr schlecht, weil ihr eine böse Versammlung des Blutes nicht jedoch eine Schwangerschaft vorliege.
Woraufhin es hieß, sie solle doch gestehen. Sie wäre ja nicht die erste und würde auch nicht die letzte sein.
Aber was hatte sie zu gestehen? Von was sollte sie schwanger sein? Vom Schnee? Vom fließenden Licht, das sie in ihren Träumen durchdrang? Vom Heiligen Geist? Wie die Jungfrau Maria.
„Heilige Jungfrau, bitte für mich!“ 

Dienstag, 11. Oktober 2011

Ein leises Scharren

Es begann mit einem leisen Scharren, dann kam der Lärm von splitterndem Holz und ein Schrei gefolgt von einem nahezu wütenden Quieken, einem lang gezogenen und gepressten Laut, wie ihn ein Schwein von sich gibt, wenn ihm das Schlachtermesser die Kehle durchbohrt. Doch statt wie Hundegebell sogleich in der Dunkelheit zu vergehen, schwoll es an und vibrierte in der Luft. Es dauerte nicht allzu lange, dann war es wieder still.
Sie glaubte schon sich verhört zu haben, was bei ihrer Anspannung und ihrem Schlafmangel kein Wunder war, und drehte sich, die Oberschenkel eng an die Brust gepresst, auf die andere Seite, um weiterzuschlafen, als es erneut einsetzte. Es schwoll an und ebbte ab, schwoll an und ebbte ab, und schien jedes Mal kein Ende zu finden, auch nicht, als das Schwein längst ausgeblutet und gevierteilt an irgendeinem Balken in der Nachbarschaft hätte hängen müssen. Wer aber schlachtete mitten in der Nacht ein Schwein? Sie riss die Augen auf und richtete sich im Bett empor, um den Laut und seinen Sinn zu erfassen. Es kostetet sie etwas Mühe, ihren Körper vom Strohlager zu trennen. Den Kopf hätte sie, ohne ihn vom Kissen zu reißen, niemals in die Höhe gebracht. So müde war sie. Als sie ganz aufrecht saß, den Rücken an die Wand gepresst, damit sie besser hören konnte, war es wieder still. Als ob es darauf gewartet hätte, dass sie sich aus ihrem zusammengerollten Zustand löste. Nur in der Ferne hörte sie einen Hund, der den vollen Mond anbellte und das vertraute Knirschen und Nagen der Mäuse. Es war auch nichts Ungewöhnliches zu sehen, außer dem kleinen Kater, der sie mit gen Himmel gekrümmten Rücken vom Stuhl aus anstarrte, reglos, als wäre er aus Wachs. Sie streckte die Arme nach ihm aus.
„Komm, Kleiner! Es ist nichts,“ flüsterte sie, wie um es sich selbst glauben zu machen. „Es ist nichts.“
Der kleine Kater rührte sich nicht.
„Komm“, wiederholte sie und beugte sich etwas zu ihm. Da sah sie, wie eine kleine Flamme in seinen Augen tanzte. 

Montag, 10. Oktober 2011

Schürzenjäger


Um die klatschnasse Welt, in der die Wäscherinnen über Dinge zu sprechen wagten, die andernorts verboten waren, schienen die braven Biedermänner einen weiten Bogen zu machen. Sobald aber die weißen Wäschestückchen lustig im Wind zu flattern begannen und verführerisch in der Sonne blinkten, strich der ein oder andere von ihnen - rein zufällig, wie er anzugeben pflegten, wenn man ihn entdeckte - um die Wäscheleinen herum. Heimlich erhofften sie sich, die Schürze oder gar die Leibwäsche derjenigen Frauen zu ergattern, die ihre Phantasien beflügelten. Oftmals genügte ihnen die bloßen Berührung der begehrten Stücke, um sich in Wollust zu wiegen. - Das waren die wahren Schürzenjäger. Ungewollt hatten sie diese Bezeichnung aber einer ganz anderen Gattung von Männern abtreten müssen, denen es nicht um die Wäsche ging: Ihr Begehren entzündete sich an den muskulösen und festen Körpern der jungen Mädchen mit den noch zarten aber kräftigen Händen, welche die Wäsche durchwalkten. Unter jenen Männern hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass ledigen Wäscherinnen ohne einen Mann nicht auskämen. In den Sommermonaten, wenn die Mädchen von der anstrengenden Arbeit ihre Oberkörper entblößen mussten, waren die Waschplätze ihr Revier.