Dienstag, 31. Januar 2012

Die Ährenleserinnen


Sichel schwenkend sang Eva leise vor sich hin. Noch flammte die Sonne über ihr. Geblendet zog sie mit geschlossenen Augen das kurze Jäckchen aus, das ihre Schultern verhüllte. Die Sonne brannte auf ihrer Haut. Mit einem Wonnegefühl ließ sie sich von ihr sengen.
Sie dachte an die Stadtmenschen, die mit ihren offenen motorisierten Kutschen über die staubigen Straßen an ihr vorübersausten, um an einer schönen großen Wiese an der Selz abzubremsen, von ihren Sitzen aufzuspringen und mit Tischen, Stühlen, Decken, Körben, Flaschen und was sonst noch alles sonnenschirmbewehrt in den Schatten zu stürzen. Diese Menschen lachten viel, obwohl sie sich vor den Gefahren der Sonne fürchteten, vor dem stechenden Gefühl auf ihrer Haut, besonders aber vor der Wetterbräune. Es hieß, die Sonne fördere den Blutandrang und ließe die Adern schwellen.
Das alles konnte man in den bunten großen Blättern und Zeitungen lesen, die die Stadtmenschen unter den Bäumen liegen gelassen hatten, damit Eva sich kopfschüttelnd an den farbenprächtigen Bilder erfreuen konnte. Als ob es außerhalb des Papiers, auf das sie gebannt waren, nichts zu sehen gäbe. Eva dachte an den Blick, den man vom Hahnheimerknopf auf den Donnersberg haben konnte, oder vom Hasenberg, einer kleinen Anhöhe hinter dem Dorf, auf Frankfurt, das zu Fuß immerhin mehr als eine Tagesreise entfernt war. Wozu brauchte sie die Bilder aus der großen weiten Welt? Lesen konnten sie nicht. Sie war nie zur Schule gegangen. Warum auch? Sie trug die Sonnenglut der Erde in ihrem Herzen, und in den Falten ihres Kleides die Düfte der reifen Ähren. Das reichte vollkommen aus, um ein gutes, um ein schönes Leben zu leben.
Sie beschleunigte ihre Schritte, als sie den Kirchturm hinter dem Mohnfeld in der Ferne sah und spürte den weichen Staub der Straße unter ihren Füßen und den schweißnassen Saum ihre Kleides am Hals.
Als sie am Feldkreuz vorbeikam, stand plötzlich die kleine Agnes vor ihr, kräftig, sonnenverbrannt, mit feinem Flaum an Armen und Beinen, wie eine goldene Biene. Ihre Augen waren niedergeschlagen, und sie bemühte sich, einen Halm mit den bloßen Zehen zu fassen. Wie Eva hielt auch sie eine Sichel in ihrer Hand.
»Hast auf mich gewartet, - ne?«, fragte Eva.
Agnes nickte. Sie sprach nur, wenn es nötig war. Sie liebte das Schweigen.
Sie gingen eine Weile nebeneinander her, schweigend und die Sicheln schwenkend. Der Kirchturm wuchs und wuchs. 
»Gräm dich nicht«, sagte Eva, als sie die ersten Hunde des Dorfes bellen hörte. »Du musst ihn vergessen. Auch wenn er dir gut war.« Sie hielt einen Moment inne, um sich das Kopftuch aufzusetzen. »Dabei weiß ich gar nicht«, fuhr sie fort, »ob er gut aus Dummheit oder dumm aus Güte war?«
Agnes nickte, was so viel bedeutete wie: Ich weiß auch nicht.
»Zum Glück hat er dich mit keinem kein Kind sitzen lassen, wie mich damals der Hans.« Sie machte wieder eine Pause, pflückte sich eine Kirsche, die ihr von einem Baum entgegenlachte, - der Arm zitterte noch von der Anstrengung des langen Tages - und steckte sie schmatzend in den Mund. »Du musst ihn vergessen. Der Mensch, der nichts vergessen kann, wird mit nichts fertig, auch nicht mit seinem Leben.« Sie spuckte den Kirschkern in den Straßengraben. »Ich denk da an die Pest. Alle, die sich daran erinnern, werden fortgeweht wie Sägemehl im Wind. Ihre Grübeleien machen sie wahnsinnig, ihre Erinnerungen machen sie wahnsinnig. Nur die, die vergessen können, haben ein langes Leben vor sich, und die, die ein gutes Gedächtnis haben, sterben.«
Agnes nickte wieder, was dieses Mal so viel bedeutete wie: Ich verstehe. 

Mittwoch, 18. Januar 2012

Im Flimmern der Geschwindigkeit

Mathilda hatte schon so viel von der Eisenbahn gehört. Jetzt stand sie vor ihr, groß und dampfend wie ein riesiger Lindwurm aus Stahl und Eisen, dessen schwarzes Maul sie bald verschlingen würde, wie all die anderen Passagiere, die duldsam auf dem Bahnsteig standen. Nur, - wann war es so weit? Bis das Pfeifen aufhörte? Würde man sie an der Hand nehmen und die kleine Treppe vor jedem einzelnen Wagen hinaufführen, - „Wagon“ hieß es, wenn sie sich recht besann? Ihr vielleicht sogar den Mantel abnehmen, wie bei einem festlichen Ball? Sie beobachtet die anderen Passagiere, die sicher schon erfahren waren, was die Eisenbahnreise anbelangte. Sie gab auf alles Acht, nur nicht auf die riesige Dampflok, die ihr Angst bereitete.
»Bitte einsteigen!«, rief ein Mann in Uniform mit einem Schild in der Hand. »Alles einsteigen.«
Und schon setzte sich die Menge in Bewegung, auch Mathilda. Sie ging einfach mit. Sie stieg die Treppe hinauf, folgte ihrem Vordermann und setzt sich direkt neben ihn. Als das Pfeifen draußen lauter wurde, schloss sie die Augen. Es ruckelte. Ihr Oberkörper schnellte vor und zurück. Es war wie bei ihrem Einspänner zu Hause, wenn Karl in hoher Fahrt anhalten musste, weil ein spielendes Kind über den Weg lief. »Brrrrr!« Wie oft hatte sie sich so an der Rückenlehne gestoßen.
Misstrauisch warf sie einen Blick aus dem Fenster. Sie sah Menschen, die winkten. Manche weinten, andere lachten. Dann Häuser. Sie schloss die Augen. Ein zweites Mal. Sie würde sie auch nicht mehr öffnen, bis sie in Darmstadt angekommen war.
Ein Kind schrie ein paar Sitze hinter ihr, was ihr Unbehagen steigerte. Sie konnte beim besten Willen nicht ausmachen, ob es aus Freude oder Angst geschah. Ihr wurde plötzlich schwindlig. Sie musste die Augen öffnen und war überrascht, dass die Landschaft so langsam an ihr vorüberzog. Alles schien stillzustehen.
„Möchten sie sich ans Fenster setzen, gnädige Frau?“, fragte ihr Nachbar freundlich. Er trug einen lustig gezwirbelten Bart in seinem Gesicht.
Sie nickte.
Er stand auf, drehte sich zu ihr, und lüpfte kurz seinen Hut, um sie dann mit einer einfachen Handbewegung zum Aufrutschen aufzufordern.
„Danke“, sagte sie.
Jetzt war alles anders, als sie aus dem Fenster blickte. Hatte der Zug etwa seine Geschwindigkeit erhöht? Die Schnelligkeit war unerhört. Aber, nein. Wie konnte sie denn so einfältig sein? Die Ferne rückte nach wie vor nur sehr langsam hinweg. Es war nur die Nähe, die verschwamm. Die Blumen am Wege waren keine Blumen mehr, sondern Flecken oder eher noch rote und weiße Striche; auch die Bäume nahe der Schienen, die Brücken, die der Zug überquerte, wurden allesamt zu Strichen, zu Geraden, die endlos weiterliefen und für Mathilda die Begradigung widerspiegelten, die die Landschaft, ja die Welt durch die Eisenbahn erfuhr. Die Eisenbahn legte ihrem Auge gleichsam eine Uniform an, die alles zu einem Strich herabminderte: die Kühe, die Schafe, selbst die Menschen, an denen der Zug nahe genug vorbeirauschte. Und wenn sie lange genug aus dem Fenster sah, so verwandelten sich auch die Dinge in der Ferne, die Berge, die Wälder, die Dörfer in endlose Striche, bis sie gegen den Horizont entschwanden, der selbst ein Strich war. 
Das alles konnte auf das Leben und das Denken nicht ohne Einfluss bleiben. Denn im Flimmern der Geschwindigkeit lösten sich nicht nur die Dinge auf, sondern auch der Zusammenhang zwischen den Dingen; auch ihre Bedeutung schob sich ineinander und verlöschte. Man hatte keine Anhaltspunkte mehr außer sich selbst. Ja, mehr noch: Die Eisenbahn tötete den Raum. Es blieb nur noch die Zeit übrig. Sie hatte Angst. Wie sollte das alles enden?  Es war ihr, als kämen die Berge und Wälder auf sie zugerückt, um für immer zu verschwinden. Sie roch schon den Duft der Zypressen, vor ihr brandete das Mittelmeer. Es würde nur kurz sein.

Donnerstag, 12. Januar 2012

Kleinvieh

Halbnackt lag sie in seinen Armen und drehte sich langsam mit ihm im Takt. Dort, wo sie hintanzten, machte die Menge respektvoll Platz. Er war glücklich, denn sie war jetzt seine Frau, und mit ihr kam ein Vermögen in seinen Besitz, das er sich nie zu erträumen gehofft hatte. Bis ans Ende seiner Tage würde er in Saus und Braus leben können. Er würde sich von keiner mehr aushalten und keine mehr heiraten müssen. Woher ihr Reichtum kam, hatte er nie gefragt. Er wusste nur, dass sie ihn nicht ererbt, sondern sich erarbeitet hatte. Aber wie? Sie war ein gutmütiger Mensch, einer jener sonderbaren ruhelosen Charaktere, die nicht imstande waren, eine Ungerechtigkeit gelassen hinzunehmen, ja sie konnte noch nicht einmal das ertragen, was ihr als solche erschien. Wie hätte sie dann Geschäfte machen können, die ihr anderen gegenüber einen finanziellen Vorteil verschafft hatten? Gewiss manchmal forderte sie von anderen die zarteste Rücksicht, während sie selbst schroff und unduldsam war. Aber das hatte nichts mit ihrem Geld zu tun. Es war eine Laune der Natur und entsprach nicht ihrem Wesen. Er wüsste mit diesen Grillen fertig zu werden.
Vom Meer wehte ein köstlicher lauer Wind, und der Anblick des halb grauen, halb rötlichen Himmels, der sich über ihnen auftat, würde in Wien sicher rätselhaft sein.
»Wenn einer nicht genug Grütze im Kopf hat«, sagte sie plötzlich und blickte ihn mit ihren absinthgrünen Augen an, »dann ist es sein eigener Schaden.« Sie riss sich von ihm los, streckte die Arme in die Luft und begann sich ganz entgegen der Musik konvulsivisch hin und her zu wiegen, ohne ihn aus den Augen zu lassen. »Ich weiß, wer und auch was du bist«, sagte sie langsam, indem sie jedes einzelne Wort betonte und bewegte sich um ihn herum. »Du bist nicht der, für den du dich ausgibst. Du bist ein Heiratsschwindler, ein Betrüger. Du hast geglaubt, du könntest ab heute wie eine Made im Speck leben!«
Sein verblüffter Blick folgte ihr und ließ ihn, sich um seine eigene Achse drehen. Es war ihm, als ob ein Engel plötzlich Zoten sang und sich in hysterischen Krämpfen wand.
»Du hast dich getäuscht. Ich bin genauso wenig vermögend wie du.« Sie machte eine Pause und fuhr ihm, während sie sich weiter um ihn drehte, mit dem Handrücken über Gesicht und Hinterkopf. »Aber vielleicht werde ich es noch.« Sie lachte. »Mit deiner Hilfe.«
Er wollte etwas entgegnen, war aber so verwirrt, dass er kein Wort herausbrachte.
»Ich bin eine Mätresse, eine Hure. Und du - » Sie machte eine Pause. »Du bist jetzt mein Lude.« Sie lachte. »Man muss sich in dieser Welt zu schicken wissen. Ich gehören nicht zu denen, die eine Königin übertrumpfen wollen, indem sie ihre Tür bloß den Reichen und Mächtigen öffnet. Es gibt keinen größeren Berg als den, den man mit, › Wenig und Oft‹ aufbaut. Dumme Hühner sind diejenigen, die sagen: ›Ein Ochse macht auf einmal so einen Haufen wie tausend Fliegen zusammen.‹ Denn es gibt so viel mehr Fliegen als Ochsen. Auf einen großen Herren kommen zwanzig, die dich mit Versprechungen zahlen, aber tausende von denen, die keine großen Herren sind, füllen dir die Hände. Ich weiß ganz gut, welche schönen Batzen Schenkwirte, Theriakshändler, Scherer, Barbiere und Bauern vertun.«

Mittwoch, 11. Januar 2012

Im Templer

Es kam ihr alles unwirklich vor: der Fastnachtsbrunnen mit seinen grotesken Gestalten, die sich im Sprühnebel versteckten und der gewaltige Dom, eingetaucht in ein seltsames Gebläse, das von vier Musikern in schwarzen bodenlangen Gewänder stammten, die über den Leichhof glitten. »Wie können all diese Leute«, sie zeigte auf einen der Musiker, dessen Sousaphon sich wie eine Riesenschlange um seinen Körper gewickelt hatte, »ihr Leben einfach fortsetzen, während ein Verbrechen geschehen ist. Wenn wir nichts unternehmen, wird Pfeiffer niemals seine gerechte Strafe erhalten.«
»Gerechte Strafe«, wiederholte Helga abfällig, als sie in die Augustinerstraße einbogen. »Das ist doch nur eine Redensart. Die Auffassung, dass das Leben die gerechte Strafe oder den gerechten Lohn bereithält, dass allem eine tiefere Bedeutung zukommt als die, die wir ihm bemessen, ist doch nur tröstlicher Aberglaube.«
»Aber Helga«, Lucia blieb stehen, »glaubst du denn nicht an Gerechtigkeit?«
»Komm«, sagte Helga milde und hakte sich bei ihr unter; ihre dünnen, knochigen Fingern nahmen sich aus wie die eines kleinen Mädchens. »Ich bin müde. Die ganze Sache hat mich viel Energie gekostet, und ich wünsche mir jetzt nur eine warme Suppe in der gemütlichen Weinstube, von der du mir erzählt hast.«
Vor der Ignatzkirche blieb Lucia stehen und wartete darauf, dass sich ihre Gereiztheit legte. »Hier ist es«, sagte sie und zeigte auf das Wirtshausschild gegenüber, auf dem ein Ritter abgebildet war.
© Christian Kohl
Die Täfelung aus Eichenenholz bedrängte Lucia zunächst von allen Seiten, als sie in den »Templer« eintrat, doch als Pierre, Mainz’ prominentester Korse, mit »Efin, ma Chéri« auf den Lippen ihr aus der Küche entgegenstürmte und sie mit Küsschen bedachte, fühlte sie sich frei und geborgen. »Isch«, begann er mit einem französischen Akzent, der die Melodie der Mainzer Mundart nachzuahmen schien, »abe gewusst, dass du eute kommst. Es gibt Cassoulet!« Er hielt sie fest und blickte ihr in die Augen. »Aber was hast du?«
Lucia presste den Mund zu einem dünnen Strich zusammen und wich zurück.
Erst jetzt schien er Helga zu bemerken. »Du hast mir deine Freundin noch nicht vorgestellt.« Er beugte sich zu ihr, um auch sie zu küssen. »Nun, meine Schönen«, sagte er und verschwand hinter dem Tresen, »ist es Zeit für einen Aperitif.« Er ließ keine Widerrede zu und drückte jeder der beiden alten Damen ein Glas Champagner in die Hand. Während er Lucia den Stuhl an ihren Lieblingstisch heranrückte, gestattete sie sich das Lächeln, das sie so lange unterdrückt hatte. Erst als auch Helga Platz genommen hatte, setzte er sich dazu. »Du weißt«, sagte er eindringlich, »du kannst mir alles sagen, was dich bedrückt.«
Lucia zögerte, doch dann erzählte sie ihm die ganze Geschichte.
Er hatte seinen Champagner ausgetrunken und beäugte Lucias unberührtes Glas. »Um dein Ziel zu erreichen«, sagte er, »lauf in die entgegengesetzte Richtung.«
Sie konnte nicht mehr fragen, wie er das meinte, denn in diesem Augenblick kam die Kellnerin mit einer großen irdenen Kasserolle, und eine Viertelstunde lang wandte sich alle Aufmerksamkeit, mit anerkennenden Worten von allen Anwesenden, dem Cassoulet zu, und Pierre, hocherfreut, revanchierte sich mit der Geschichte, wie er die unerlässliche Zutat, die eingemachte Gans, in Straßburg erstanden hatte. Als die Mahlzeit beendet war, nahm er den Faden wieder auf. »Peiffer ist ein Spieler«, sagte er. »Du musst ihn dort packen, wo er es nicht erwartet, dort, wo seine Leidenschaft tobt.«
»In der Spielbank?«, fragte Lucia unsicher.
»Nein, er spielt Poker, und das mindestens zwei Mal die Woche.« Er machte eine bedeutungsvolle Pause. »Mit Didier«, sagte er schließlich und zwinkerte ihr zu. »Er nimmt dich sicher mit.«
»Ich und Poker«, entgegnete Lucia leicht abwehrend und stürzte ihren Champagner hinunter. »Mit Glücksspiel habe ich rein gar nichts am Hut!« Ihre gebrochene Rippe begann wieder zu schmerzen.
»Du sollst ja auch nicht spielen«, sagte Pierre und stand auf, »sondern ihn zum Pokerspiel begleiten«. Sein Gesicht lag jetzt im rötlichen Schein der Nachmittagssonne, die sich durch die beiden Fenster in den »Templer« drängte. »Sozusagen als Glücksfee.«
Lucia starrte Helga an, erwartete, dass diese Widerspruch erhob und sie zum Arzt oder ins Bett schickte oder irgendetwas sagte wie »In deinem Zustand ist es nicht angemessen, wenn du dich in weitere Abenteuer stürzt.« Doch es kam nichts dergleichen, noch nicht einmal ein unmerkliches Kopfschütteln. »Und wohin?«, fragte sie zögerlich. Sie stellte sich ein verruchtes Lokal mit ebenso verruchten Gestalten vor, die trinkend und rauchend um einen runden Tisch saßen und sich neben schmutzige Schoten abgegriffene Spielkarten entgegenwarfen. Bei dem Gedanken war ihr etwas mulmig zumute. Vielleicht sollten sie und Helga jetzt gehen?
»Ich weiß nicht, ma chérie«, antwortete Pierre und grinste. »Das wirst du schon noch sehen.«
Sie wusste, dass er etwas vor ihr verbarg, das sah sie an seinen Augen.
Er ging hinter den Tresen, nahm das Telefon und verschwand damit in der Küche. Nach einer Weile kam er mit einer noch heißen Tarte Tartin in der Hand zurück und sagte: »Ich habe mit Didier telefoniert.« Er stellte den Kuchen auf den Tisch. »Du hast Glück, ma Belle. Heute Abend ist ein Pokerspiel. Didier holt dich hier ab. Die Tarte wird euch beiden bis dahin die Zeit versüßen.«
Pierre hatte damit vollendete Tatsachen geschaffen. Lucia musste nun bleiben und ließ sich mit dem unbeschreiblich wohlschmeckenden Apfelkuchen verwöhnen, der auch Helga zu schmecken schien, was unschwer an ihrem ungewöhnlich großen Appetit abzulesen war, der sie vier große Stücke verschlingen ließ, zwei mehr als sonst im Wiesbadener Maldaner. Während die beiden Damen aßen, zeigte er ihnen einige ausgefallene Stücke seiner umfangreichen Kaffeemühlensammlung, der größten, wie Lucia wusste, weit und breit. Dabei machte er das ein oder andere Kompliment, das Helga, sehr empfänglich für Höflichkeit und Schmeichelei, immer wieder zum Jauchzen brachte. Pierre’s liebenswürdig-gewinnende Wesensart schien ihr nicht unangenehm zu sein. Mehr noch: Lucia hatte ihre Freundin noch nie so munter erlebt.
»Die Mainzer!«, seufzte Helga immer wieder, als sehne sie sich nach einem anderen Leben. »Die Mainzer!« Und so war sie auch nicht empört darüber, dass Lucia und sie, die eingefleischte Wiesbadenerin, von einem Mann, der plötzlich mitten im »Templer« stand, mit »Wo sind dann die Meenzer Mädcher« begrüßt wurden. Sie stieß aber ein erschrecktes Lachen aus, als sie sich umdrehte. Denn hinter ihr stand ein männliches Ungetüm, das mit dem kleinen Kopf aus seinen Muskeln schaute wie eine Schildkröte aus ihrem Gehäuse. Trotz seines eleganten Anzuges, warf sie ihm einen raschen Blick konzentrierter Verachtung zu und drehte sich wieder um.
© Christian Kohl
Er setzte sich neben sie, rieb sich die rechte Hand mit der linken und sagte, die Ellbogen auf den Tisch gestützt: »Isch bin der Dieter!« Als er zu sprechen begann, zuckte Helga zusammen und tastete nach ihrer Tasche.
»Didier«, korrigierte Pierre, was Helga, aber auch Lucia leicht aufatmen ließ.
»Wer von euch beiden Hübschen«, fragte Dieter, »ist denn mein Maskottchen?« Er roch stark nach Eau de Toilette, Egoist, ein Duft aus den Achtzigern, der sicher seine Alkoholfahne überdecken sollte, die Lucia wenig später in die Nase stieg.
»Ich«, antwortete sie zögerlich und beugte sich zu ihm hinüber, um ihm die wenigen unbeholfenen Sätze zu sagen, die sie sich zurechtgelegt hatte. Doch er wusste schon Bescheid, nickte ab und sagte: »Den Pfeiffer, den kennt hier jeder!« Er brabbelte etwas von Spielerschulden und Ehre, was Lucia nicht verstand, um dann in die Frage einzumünden: »Was wollt ihr zwei Lotusblüten denn von dem? Der ist doch verheiratet.« Er machte eine Pause und sah Lucia mit durchdringenden Basedowschen Augen an, die etwas an sich hatten, das sie auf der Hut sein ließ. Dann fuhr er lachend fort: »Außerdem sind Frauen nicht ganz sein Fall!« 






Bestellung signierter Exemplare mit persönlicher Widmung hier auf der Seite unter dem Reiter "Kontakte". 



Niemand ist so veranlagt, dass man ihm trauen könnte! – Das ist die fixe Idee der Mainzer Grabrednerin Lucia Herzer, einer pensionierten Lehrerin, die hinter jedem Trauerfall einen Mord vermutet. Sehr zum Missfallen ihrer Wiesbadener Freundin Helga. Denn die selbst ernannte Mainzer Miss Marple geht dabei fast immer in die Irre. Sie beschuldigt unbescholtene Bürger und lässt sich zu waghalsigen Aktionen verleiten, die für die beiden Freundinnen nicht immer ungefährlich sind. Doch auch ein blindes Huhn wie sie findet manchmal ein Korn.
Dieser Stadtkrimi, an dem die Leser der „Stadtausgabe Mainz“ als Ideengeber mitgewirkt haben, ist mehr als nur eine bloße Aneinanderreihung von Aha-Erlebnissen – etwa wenn man die Kneipe an der Ecke oder bestimmte Mainzer Persönlichkeiten wiedererkennt. Er ist urkomisch und spannend zugleich.

Dienstag, 10. Januar 2012

Herausgefallen

Nach fünfminütigem Dösen wachte Anna auf und sah einen nackten Mann mit schütterem Haar und liebevollem Gesichtsausdruck vor ihrem Bett stehen. Wo war sie? Wer war diese Person? Was wollte er? Sie zog die Decke über ihre nackten Brüste und starrte ihn an. Schließlich fragte sie: „Gehöre ich hierher?“
»Na klar«, sagte er lächelnd und setzte sich neben sie.
Sie spürte eine unendliche, kühle Leere. Sie hatte das Gefühl, dass in ihrem Körper eine Tote lebte.
»Ich weiß nicht, wer Sie sind, und ich weiß nicht, wer ich bin?«
»Was soll das heißen, du weißt nicht, wer du bist?«, fragte er sanft und immer noch lächelnd. Er lüpfte die Bettdecke und schlüpfte darunter, sein kalter, nackter Köper an ihrem.
»Ich weiß nicht, wer ich bin«, wiederholte sie.
Jetzt lachte er. »Hör doch auf mit diesem metaphysischen Quatsch, mein Schatz. Und schlaf noch ein bisschen. Es wird heute Abend spät werden. Du weißt doch, wie deine Mutter ist!«
© Paula Andrea Alvarado 
Sie sprang auf und zog den Morgenmantel an. Sperma klebte an ihren Oberschenkeln. Dann rannte sie nach draußen und stieg die Anhöhe hinauf. Das trockene, braune Gras, hart und spitz wie kleine aufrecht stehende Nägel zerbrachen knackend unter ihren Füßen. Während des Aufstiegs versuchte sie ihre Traumvorstellungen von einem Mann mit diesem nackten Mann, der ihr Mann war, in Übereinstimmung zu bringen. Aber es gelang ihr nicht. Warum gelang es ihr nicht? War es ihr jemals gelungen? Sicher. Sonst wäre dieser nackte Mann doch nicht ihr Mann. Oder hatte sie  ihn gegen ihre Traumvorstellungen geheiratet? Was war geschehen? Was war mit ihr geschehen? Warum stellte sie alles in Frage? – Weil die Vergangenheit aus unerfindlichen Gründen nicht mehr der Gegenwart und die Gegenwart nicht mehr der Zukunft glich. Und weil sich damit die Gewohnheit als Gewohnheit entlarvt hatte.
Die Sonnenstrahlen pressten sich wie ein warmer Körper an sie, ließen sie schwitzen und erfüllten sie plötzlich mit dem eigenartigen Verlangen, sich ihres Morgenmantels zu entledigen und nackt weiter zu laufen, was sie auch sofort tat. Oben angekommen streckte sie die Arme über ihren Kopf, ließ das Haar in den Nacken fallen, schloss die Augen und wandte ihr Gesicht der Sonne zu. Sie summte eine Art melodieloses Lied, einen Sprechgesang und bemerkte, wie sich die Erde bewegte, wie sich um sie herum alle Elemente in Bewegung setzten. Sie nahm die Hitze in sich auf und spürte all die Bewegungen ihres Körpers als persönliche Ereignisse, die sie sozusagen von außen heimsuchten, plötzliche Lichtstrahlen, die wie Blitze durch sie hindurchfuhren. Sie war nicht verrückt. Sie hatte sich verrückt. Plötzlich wusste sie, wer sie war und wusste auch, warum ihr Mann nicht der Mann war, den sie sich erträumt hatte. Und es war ihr jetzt auch völlig gleichgültig, ob ihr Mann ihren Traumvorstellungen entsprach. Wichtig war nur, dass sie sich selbst wieder spürte.

Montag, 9. Januar 2012

Stachel




Sie kehrte zur Wohnung zurück, mit einer Niedergeschlagenheit, die ihr die Knochen erweichte. Trotz der Hitze war ihr eiskalt. Er öffnete die Tür, noch immer nackt, und sah sie an.
»Ich kann nicht anders, auch wenn du mich wieder rauswirfst«, sagt sie und drängte sich an ihm vorbei. »Du bist ein Stachel in meinem Fleisch! Kommst wie ein Fluch über mich!«

Samstag, 24. Dezember 2011

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Autosuggestion

Christina fühlte sich seltsam, als wäre sie inwendig hohl und ihr Körper nur Haut und Knochen, eine aufgeblasene Schweinsblase, die man mit einer feinen Nadel zum Platzen bringen konnte. Hinzu kam ein unerklärliches Kribbeln, fast so, als krabbelten Ameisen unter ihrer Haut, manchmal auch ein Pochen in einzelnen Körperteilen, besonders in den Gliedmaßen, das mit unangenehmen und ebenso unerklärlichen Stichen einherging und einer Hitze, die von den Füßen zum Kopf hochstieg und vom Kopf zu den Füßen ging. Legte man eine Hand auf ihre Stirn, fühlte man aber nichts Besonderes. Man sah auch nichts. So angestrengt man sie auch betrachtete. Daher musste sie weiter arbeiten, selbst wenn sie die einfachste Verrichtungen wie Spinnen oder Nähen nicht mehr fertig brachte.
Ihr Kopf war von allen Gedanken und auch Erinnerungen entleert. Mitunter wusste sie nicht mehr wer sie war und was sie tat, erlebte alles wie unter einem Schleier, und wenn sie die Dinge ganz unverhüllt schaute, so erfasste sie dieselben höchst selten so, wie sie waren oder wie sie sein mussten. Folglich war es ihr auch nicht mehr erinnerlich, wie und wann das Übel begonnen hatte.
Man hatte sie auf dem Boden im Stalldung liegend gefunden. Daran konnte sie sich noch gut erinnern, nicht aber wer sie gefunden hatte. Vielleicht war es der Knecht gewesen? Vielleicht aber auch der Wirt?
Mit großer Beschwerde war sie aufgestanden - man hatte ihr dabei geholfen – und hatte ein solches Rumpelwerk, ein Rumoren in ihrem Bauch verspürt, dass sie gleich darauf in die Wirtsstube gerannt war, um eine halbe Flasche Branntwein zu trinken, durch den sie beinahe endgültig von aller Vernunft gekommen wäre, wenn sie sich vorher nicht, aus lauter Übelkeit, die ihr der Alkohol bereitet hatte, den Finger in den Hals gesteckt hätte.
Am Anfang war nicht mehr als ein wenig Wasser herausgekommen, das nach Galle und vergorener Milch gerochen hatte. Doch nach langem Quälen hatte sie etwas hervorgewürgt, das einem fingerlangen Wurm oder Reste eines Wurms nicht unähnlich war. So genau hatte sie es nicht erkennen können, denn es war sofort im Abtritt verschwunden.
Entsetzt war sie zur Kellerin, dem Kräuterweiblein, in die Himmelsgasse gestürzt und hatte ihr mit dünner Stimme ihr Leid geklagt.
„Was ich sage, ist wahr“, beteuerte sie ihr unter Tränen. „Ich erfinde niemals Geschichten. Ich verbürge mich bei meiner Ehre, für das, was ich erlebt habe.“
Die kleine, verwachsene Gestalt stand mitten in der Küche auf einen Stecken gestützt, an dem noch die Rinde haftete, und hörte ihr regungslos bis zum Ende der Rede zu. Daraufhin legte sie ihren Stock auf einen Stuhl, ganz vorsichtig, als ob es von Bedeutung wäre, ging zum Wasserbottich, der vor der Türschwelle stand, beugte ihr schlimm verkrüppeltes Rückgrat tief nach unten und tauchte die Hände ins Wasser, etwa drei Vaterunser lang.
„Es erscheint vielen beinahe wie ein Wunder“, sagte die Alte schließlich und richtete sich auf, „dass die Würmer, vor allem, weil sie lang und rund sind, emporsteigen und durch Mund und Nase herauskommen.“ Sie spreizte ihre noch feuchten Hände und versprengte das Wasser mit mehreren schüttelnden Bewegungen wie mit einem Weihwasserwedel in den Raum. „Aber das ist nun einmal so, wenn derjenige schlecht isst oder schlecht wohnt, was eine gewisse Verstimmung im Magen und in den Eingeweiden hervorruft, die geeignet ist, die Würmer zu reizen, die ansonsten still und ruhig sind.“ Sie machte eine Pause, während sie sich die Hände an ihrem Fürtuch abwischte. „Isst du denn schlecht?“
Christina überlegte. Noch nicht einmal das wusste sie genau. Ihr Kopf war schwach. Sie konnte einfach nichts mehr zusammenbringen. Schließlich antwortete sie, wortkarg, was gar nicht ihre Art war: „Ich kann nichts Rechtes hinunterbringen.“
Die Kellerin sah sie wieder lange an, ohne etwas zu sagen, und nickte endlich bedächtig mit dem Kopf. „Das ist es“, sagte sie leise wie zu sich selbst und trottete in die Küchenmitte zu dem Stuhl, auf dem der Stecken lag. „Wenn der Mensch lange Zeit nüchtern gewesen ist, oder nahezu nüchtern, dann nagen die Würmer am Magen, denn sie sehnen sich nach Nahrung. Und weil sie nach einer gewissen Zeit nichts bekommen, um sich zu ernähren und am Leben zu erhalten, steigen sie empor und suchen nach Speise, bis sie schließlich im Rachengang der Kehle ankommen.“ Während sie sprach, hielt sie den Stecken in der Hand, um damit wie zur Verdeutlichung den aufwärts führenden Weg der kleinen hungrigen Schmarotzer mit einer zittrigen, aber gewandten Bewegung nachzuzeichnen, angefangen an Christinas Unterleib bis hin zu ihrer Kehle.
Leicht nur berührte sie Christinas Brust, dass es dieser ganz anders wurde, und in diesem Moment bemerkte sie auch, dass etwas Lebendiges unter ihrer Herzgrube kniepte und fraß. Sie stellte sich vor, wie all diese winzigen Würmer – Wie viele mochten es denn sein? –  sie zum Gegenstand ausgesuchter bübischer Unternehmungen machten und in ihrem Kopf und ihren Gliedern die unsäglichen Empfindungen verursachten, welche sie schon seit Tagen peinigten.
„Aus einem gewissen Scharfsinn und einer natürlichen Neigung heraus“, erklärte die Kellerin weiter und setzte den Stecken auf den Boden, „spüren die Würmer, dass die Speise auf diesem Weg in den Magen kommt. Und weil die Nase auch ein Kanal ist, der in die Kehle einmündet, gehen sie auch hierin und kommen vermittels des Niesens heraus oder werden mit den Fingern herausgeholt. - Ich habe oftmals gesehen, wie dies auch bei gesunden Menschen vorkommt. Du brauchst dich also nicht zu sorgen. Brauchst nur zu essen. So werden die Würmer wieder in die Eingeweide zurückgedrängt.“ Sie kramte in ihrer Schürze ein kleinen Beutel hervor und streckte ihn Christina entgegen. „Zur Sicherheit nimm das und bereite einen Sud daraus. Das wird dir helfen. Es sei denn“, sie unterbrach sich plötzlich und tat ganz geschäftig. „Ich muss jetzt ...“
„Was?“, fragte Christina.
„Die Kräuter werden dir schon helfen.“
„Was?“, wiederholte Christina leicht gereizt.
„Es sei denn jemand hat dich vergiftet!“
Christina lachte, nahm den Beutel und drückte der Alten etwas Geld in die Hand. Wer sollte sie denn vergiften wollen! Wenn schon nicht reich an Gut, so war sie doch reich an Seele. Sie war allen Menschen hold, tat ihnen gut und dachte stets nur an das Beste!
Sie lachte auch noch auf dem Nachhauswege. Womöglich war das ein gutes Mittel gegen die Würmer?
Aber als sie nach Haus gekommen war und sich im Spiegel betrachtet hatte, war ihr das Lachen vergangen. Denn ihr Gesicht war trotz der sommerlichen Bräune bleich, ihre Augen funkelten stärker als zuvor, und ihr Mund sah aus wie ein schmaler Strich.
Vielleicht hatte man sie doch vergiftetet?
Als sie zu Bett gegangen war -  früher als sonst - , dachte sie immer noch daran, obwohl es ihr etwas besser ging.
Über der Erinnerung an den ausweichenden Blick der Alten war sie schließlich eingeschlafen, um nachts zur zwölften Stunden durch ein überlautes Poltergeräusch aus dem Schlaf geschreckt zu werden. Es war ihr, als würden Fässer die Treppe hinuntergeworfen. Sie wollte schon ansetzen, um sich lautstark über das nächtliche Treiben zu beklagen, als ein schreckliches Sausen und Pfeifen begann, als flögen Nüsse aus den Schubladen an die Wand. Flugs zog sie die Decke über den Kopf, damit sie sich durch die hölzernen Früchte zu allem Übel nicht auch noch äußerlich verdarb, und schickte eins, zwei Ave Mariae gen Himmel. Denn der nächtliche Beschuss kam ihr fürwahr nicht ganz geheuer vor.
Sie lag noch im Gebet, als das Gepolter und Getöse mit einem Schlag verstummte. Darauf folgte Stille, nichts als Stille. Kein Knistern und Knacken, kein Rascheln und Rollen, kein Wispern und Pispern, kein Schnarchen und Schnaufen. Nur Stille. Es war so, als ob die Vögel des Himmels bei helllichtem Tage ganz plötzlich und unerwartet verstummt wären. Noch nicht einmal in ihrer Herzgrube kniepte und fraß es.
Ja, war sie vielleicht schon tot?
Mit einem Ruck sprang sie aus dem Bett, um sich selbst zu vergewissern und vor allem aller Welt zu bekunden, dass sie noch nicht verschieden sei, und stürzte zur Tür, ohne auf die Haselnüsse zu achten, die auf dem Kammerboden überall herumkullern mussten. Dabei bemerkte sie sehr wohl, dass dort rein gar nichts lag, auf dem sie hätte ausrutschen können.
Sie begann die Treppe hinunterzuschleichen. Jede Stufe verriet sie durch ihr Knarren. Ihr Herzschlag dröhnte ihr in den Ohren. Sie bildete sich ein, das Geräusch von neuem zu hören, war sich aber nicht sicher. Sie blieb stehen und hielt den Atem an. Nur rauschende Stille und ihr pochendes Herz. Wieder schlich sie sich drei Stufen hinunter. Wenn doch nur der Wirt da wäre und...  Sie war noch vier Stufen vom unteren Treppenabsatz entfernt. Unten angekommen, war nichts zu sehen, was die Ursache für den nächtlichen Lärm hätte sein können.
Es war wie im Traum.
Vielleicht träumte sie ja auch?
Niemand wuchtete Fässer durch das Haus. Es war wie allezeit in der Nacht, wenn sie auf den Nachstuhl musste. Sie hatte lediglich das Gefühl, dass etwas um sie herum war, das sie zwar nicht sah, wohl aber gehört hatte, wenn auch nur kurz, und welchem sie ihre sämtlichen körperlichen Beschwerden und alle Anfechtungen des Gemüts zuschreiben konnte.
Als sie die Treppen wieder hinaufstieg, glaubte sie hinter sich, ein huschendes Geräusch zu hören wie von Ratten, ein Rascheln. Sie meinte eine Bewegung wahrgenommen zu haben, doch als sie sich umwandte, war alles still.
Es war sicher ein Luftzug, dachte sie und stieg wieder zurück in ihr noch warmes Bett.
Sie war ganz weit weg und zitterte und wartete darauf, dass sie wieder zum rechten Gebrauch ihrer Gemütskräfte gelangte, dass ihr Kopf stark wurde.
Das Böse bemächtigt sich schnell eines Menschen, dachte sie.
Sie schloss die Augen und ließ sich treiben. Es war kein eigentlicher Schlaf, sondern eher ein leichtes Nickerchen. Sie wusste, sie lag auf dem Bett, und versuchte zu ergründen, was gerade mit ihr geschah. Die Gedanken verhäkelten sich allmählich in ihrem Hirn.
Vielleicht hatte man sie doch vergiftet?
Nicht mit einem Trank, einer Salbe oder einem Pulver, sondern mit dem bloßen Wort...
Denn das Wort besaß eine große Kraft, wenn es in starkem Verlangen und in der richtigen Absicht gesprochen wurde. Alle Wunder der Welt geschahen durch das Wort und auch alles Übel war durch das Wort in die Welt gekommen.
Sie dachte an die Wunder des Herrn, von denen die Pfaffen erzählten. Sie dachte auch an die Heimsuchungen des Teufels. Sie dachte aber auch an die unterschiedlichsten Kräuter, die ihre heilende Wirkung nicht von Natur aus entfalten konnten, sondern nur dann, wenn bestimmte geheime uralte Riten eingehalten wurden; und dazu gehörten auch formelhaft ausgesprochenen Worte, - auch, wenn man sie meist nicht verstand. Sie dachte an Gebete, Wünsche und Bitten, die in Erfüllung gingen, auch an Zaubersprüche und – formeln.
Alles Worte! Man sah zwar nicht, wie sie ihre Kraft entfalteten, aber man konnte sie hören. Das lautlose Lesen half da wenig. Das galt auch für Flüche, durch welche man Unheil auf einen anderen oder auf dessen Habe oder auch auf sich selbst herabwünschte. Ein im Augenblick des Todes ausgesprochener Fluch erfüllte sich auf wunderbare Weise ...
Die Alte hatte Recht!
Christina pochte das Herz in der Brust. Der Schweiß stand ihr auf der Stirn. Sie war auf der richtigen Fährte.
Noch spürte sie die Schwäche des Verstandes, doch die verlorenen Geisteskräfte kehrten allmählich zurück. Und je länger sie über die Macht der Worte nachdachte, um so gewisser wurde sie sich, dass man unnatürliche Dinge mit ihr trieb, die durch Worte hervorgerufen worden waren, dass man sie verflucht hatte.
Eigentlich hatte sie es ja schon immer gewusst!
Sie wusste, dass die Flüche eines betrogenen Mädchens ebenso sicher in Erfüllung gingen, wie die einer Schwangern.
Das hatte sie selbst erlebt: damals, als die schwangere Hauberin den Teich neben der Mühle verflucht hatte. Daraufhin hatte kein Mensch mehr einen Fisch daraus zu essen bekommen.
Plötzlich standen die Worten über ihr, die der schwangeren und übelbeleumdeten Anna einfach so in einer Art Wut entwischt waren, und die sie, Christina,  aus ihrer Erinnerung geschoben hatte: „Du sollst keine guten und gesunden Tage mehr haben, sollst blind, lahm und krumm werden. Das fallende Übel soll über dich kommen!“
Christina stürzte wieder aus dem Bett und begann ihre Kammer zu durchwühlen. Sie wusste selbst nicht, nach was sie suchte. Es musste etwas sein, was nicht ihr gehörte, etwas, was nicht ohne Mühe zu finden war und was demnach nicht einfach so unter ihrem Bett oder in der Truhe lag, sondern etwas, was sich verborgen hielt. Etwa einer kleiner eitergelber Kieselstein, der dafür sorgte, dass es unter ihrer Haut kribbelte und krabbelte, solange er sich in ihrer Kammer befand. Oder ein kleines Säckchen, das sehr viele Dinge enthielt, wie Körner als auch Samen, in das Knochen, Haare, Sauborsten, Kalk, Wachs und anderer Unflat eingenäht war, der Raserei und Sinnesverwirrung bewirkte, dass sie unsinnig im Haupt wurde.
Sie riss das Kissen auf, zertrennte ihre Kleidung, selbst die feinste Naht. Doch sie fand nichts. Keine wunderlichen Samen, keine Knollen, die sie nicht kannte, keine Rossnägel, kein farbiges Pulver, keine Bänder, Netze und Federn, die ihr fremd vorkamen, keine Häute und kein wächsernes Männchen, wodurch sie gequält werden sollte, auch keine Krötenknochen und die feinen Knochen eines ungetauften Kindes.
Aber was braucht ein Fluch anders als Hass, dachte sie, als sie vor den zerfetzten Kleidungsstücken stand, die jetzt nichts anderes mehr als Scheuerlappen waren. Hass und Fluch gehörten zusammen wie Liebe und Versöhnung. Wenn sie sich recht besann, hatte sie den Duft von Annas Hass geradezu gespürt. 

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Spuren

Bereitwillig folgte ich ihm und machte es mir ein zweites Mal im Sessel bequem.
»Erinnern geschieht gewöhnlich unbewusst«, begann er, indem er sich mir gegenüber setzte. »Es erfordert Mühe, sich Erinnertes bewusst zu machen, es der Gefahr des Vergessens zu entreißen.« Er streckte mir das Weinglas entgegen. »Ich habe Ihnen angesehen, dass Sie mit meiner Gläsersammlung nichts anzufangen wissen. - Sehen Sie hier den roten Lippenstiftabdruck.«
Ich nickte.
»Spuren wollen gelesen werden. Der Entdecker solcher Spuren muss sie so deuten, dass eine Geschichte entsteht, deren einfachste Formulierung etwa so lauten könnte: Hieraus hat jemand getrunken.« Er lächelte und hob viel sagend die Augenbrauen. »Die ersten Geschichtenerzähler müssen wohl Jäger gewesen sein. Weil sie als einzige fähig waren, in den stummen Spuren der Beute eine zusammenhängende Folge von Ereignissen zu lesen.« 

Freitag, 16. Dezember 2011

Überzeugungen


Während die Sicherheitskräfte den Tatort absicherten, sah sie immer noch unter sich und betrachtete den Fußraum im Auto. »Ist er endlich tot?«, fragte sie den Polizisten, der ihr die Handschellen angelegt hatte und jetzt neben ihr Platz nahm.

Er nickte.
Voller Mühe hob sie das Kinn und drehte den Kopf zur Seite. Das Gesicht war weiß, dass es fast leuchtet. Ihre Miene wirkte verkniffen und dennoch siegesbewusst. Sie wollte sich nicht mehr verstecken, wollte, dass jeder sie sah.
»Gut«, sagte sie. Sie lehnte sich halb aus dem Fenster und vergewisserte sich mit einem schnellen Blick, dass die Kameras eingeschaltet und auf sie gerichtet waren. Dann beugte sie sich noch weiter hinaus und sagte: »Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.«

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Anziehungskraft


Er heftete seine Lippen auf ihren Mund, erst nur die Oberlippe, dann auch die Unterlippe, schließlich küsste er sie richtig, sein weit geöffneter Mund auf ihrem. Als sich ihre Zungen berührten, stieg eine Woge der Übelkeit in ihr hoch. Der Ekel überkam sie zuweilen, wo sie abwehrte, was sie innerlich faszinierte. Für sie gab es keine Anziehungskraft ohne Abstoßung. Es waren zwei Seiten derselben Medaille. Das Gerede von der reinen Abscheu war allzu oft nichts anderes als Heuchelei. Und gerade deswegen riss sie sich von ihm los und fing an zu laufen. Sie rannte, aber nicht um schneller weg zu kommen, denn dafür blieb ihr genügend Zeit, das wusste sie, sondern damit sie sich ihn wie all die anderen Kerle möglichst bald aus dem Kopf schlagen konnte. 

Dienstag, 13. Dezember 2011

Dummheit

Plötzlich erhob er sich, furchtbar bleich und mit dem Ausdruck einer grauenhaften, zur Verzweiflung gesteigerten Wut auf dem verzerrten Gesicht, das vor allem in dem hasserfüllten Blick zum Ausdruck kam, den er auf Susanne geworfen hatte.
»Was redest du denn von Individualität!«, sagte er ruhig und in einem Ton, als ob er mit diesen Worten etwas ganz anderes ausdrücken wollte. »Das ist doch alles Mist! Wir sind doch längst alle gleich. Guck uns doch an! Wir haben alle die gleiche Jeans. Wir reden die gleichen Sachen und denken die gleichen Gedanken.« Er sprach mit leicht angedeutetem Spott, war aber zugleich immer noch äußerst erregt, blickte argwöhnisch um sich mit seltsam flimmerndem und gleichzeitig ekstatischen Blick, so dass er die allgemeine Aufmerksamkeit im Restaurant fesselte. »Und was noch bedeutsamer ist: Wir sind alle Konsumenten. Wir wollen alle das Gleiche. Und das nicht erst als die zweitklassigen Dandys, die wir seit der Eröffnung der Kaufhäuser und der Erfindung des Schaufensters geworden sind. Verfressen, gierig und ungeduldig sind wir und wollen wenigstens unseren Frieden, am liebsten das Glück, auf jeden Fall aber Wohlstand. Die Dinge um uns herum scheinen das Glück buchstäblich zu versprechen. Also begehren wir sie. Wir wollen sie betrachten, kosten, einatmen, begreifen – sie in Besitz nehmen.«
Susanne lachte auf. »Bist du dir sicher?«, fragte sie und wischte mit der Handkante die Brotkrumen vom Tisch. »Siehst du das vielleicht nicht etwas zu eng?« Sie blickte ihn freundlich an und wartete darauf, dass er etwas entgegnete. »Du bist borniert«, sagte sie nach einer Weile. »Das habe ich leider erst viel zu spät bemerkt. Und der Bornierte ist ohne Arg gegen sich selbst. Er hält sich für gescheit und redet manchmal auch so, als wäre er es, weil er alles auswendig gelernt hat. Wie die Kakerlaken, die sich nicht aus ihren Löchern vertreiben lassen, lässt sich der Bornierte nicht aus seiner Dummheit werfen. Es ist unmöglich, ihn eine Weile ohne Scheuklappen umherzuführen und ihn zu zwingen, dass er sein dumpfes Weltbild mit anderen feinen Arten des Sehens zusammenhält. Dummheit ist lebenslänglich und leider hoffnungslos.«
»Du sprichst nicht von mir«, sagte er mit einem verlorenen, müden Lächeln auf den noch bebenden Lippen, »sondern von dir!«
»Nein, nein«, entgegnete sie ebenso lächelnd, »von dir!«

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Auch ein blindes Huhn ...

»Niemand ist so veranlagt, dass man ihm trauen könnte!«, sagte Lucia hochtrabend, während sie die Hand hob, um ein weiteres Kännchen Kaffee zu bestellen. »Absolute Macht über das Leben eines anderen Menschen…« 
»Unsinn!«, fiel ihr Helga ins Wort, die appetitlos in ihrer Sachertorte herumstocherte. »Ich würde nie auch nur daran denken, jemanden zu ermorden!« Die beiden älteren Damen saßen in einer Ecke im Maldaner, dem Kaffeehaus und selbsternannten Wohnzimmer von Wiesbaden, wie sie es jeden Dienstag und Donnerstag Nachmittag taten.
»O doch. Du würdest«, beharrte Lucia. »Wenn du weißt, dass es keine Konsequenzen hat! Du und jeder andere.«
»Aber das ist doch Quatsch«, entgegnete Helga erregt und warf die Kuchengabel geräuschvoll auf den Tisch.
»So? Meinst du?« Lucia lächelte und hob vielsagend die Augenbrauen. »Warum denkst du wohl, das um den Mord all diese raffiniert ausgeklügelten Hürden errichtet wurden?« Sie machte eine kurze Pause, um die Wirkung ihrer Frage abzuschätzen. »Weil es sich um ein Verbrechen handelt, zu dem jeder fähig ist. - Mord ist so natürlich wie Essen und Trinken.« Sie tat einen Schluck aus ihrer Tasse, wie um das Gesagte zu verdeutlichen. »Und dieser Gärtner ist dazu fähig. Das sage ich dir. Als ich mich bei ihm heute morgen noch einmal  nach dem Leben der Verstorbenen erkundigen wollte, war er nicht in seiner Wohnung, im Souterrain übrigens, sondern obendrüber, in ihrem Haus. Was hat er da gewollt, frag ich dich? Er ist doch nur ihr Gärtner, - äh, war ihr Gärtner. Das Haus war klinisch sauber. Alles piccobello. Kein Papier lag herum, die Bilder hingen an ihrem Platz…«
»Siehst du!«
»Ja, aber das ist es doch gerade. Alles verbreitet eine kühle, frostige Atmosphäre, als ob nie jemand im Haus gewohnt hätte, als ob man etwas vertuschen wollte.« 
»Hör mir doch auf! Ist es nicht so, dass wir immer nur das sehen, was wir sehen wollen? Seitdem du Trauerbegleiterin bist, siehst du überall nur Morde.« 

Bestellung signierter Exemplare hier auch unter dem Reiter "Kontakte". 


Niemand ist so veranlagt, dass man ihm trauen könnte! – Das ist die fixe Idee der Mainzer Grabrednerin Lucia Herzer, einer pensionierten Lehrerin, die hinter jedem Trauerfall einen Mord vermutet. Sehr zum Missfallen ihrer Wiesbadener Freundin Helga. Denn die selbst ernannte Mainzer Miss Marple geht dabei fast immer in die Irre. Sie beschuldigt unbescholtene Bürger und lässt sich zu waghalsigen Aktionen verleiten, die für die beiden Freundinnen nicht immer ungefährlich sind. Doch auch ein blindes Huhn wie sie findet manchmal ein Korn.
Dieser Stadtkrimi, an dem die Leser der „Stadtausgabe Mainz“ als Ideengeber mitgewirkt haben, ist mehr als nur eine bloße Aneinanderreihung von Aha-Erlebnissen – etwa wenn man die Kneipe an der Ecke oder bestimmte Mainzer Persönlichkeiten wiedererkennt. Er ist urkomisch und spannend zugleich.


Mittwoch, 7. Dezember 2011

Engel


Ein Mann, der es zuließ, dass er so roch, lebte sicherlich allein und war mit niemandem befreundet. Sie stellte sich vor, dass er irgendwelche schmutzigen Dinge tat und sich nichts dabei dachte, dass er mit Nutten schlief. Er war ein Mann ... Und irgendwie musste er seine Triebe befriedigen.
Sie kamen in sein spärlich möbliertes Zimmer. Am Fenster stand ein Schreibtisch, davor ein Stuhl. Zwei Sessel, deren Polsterbezüge blankgewetzt waren, und ein Abstelltisch in der Mitte des Zimmers, eine Bettcouch, ein großer Schrank und ein Bücherregal an der Wand. Aber überall dazwischen auf dem Teppichboden, der an einigen Stellen nahezu durchgeschlissen war, und auch auf dem Schrank standen oder lagen Engelsfiguren herum, kleine und große beflügelte, aber staubbedeckte Wesen: Friedensengel, Liebesengel, Gartenengel, Musikengel, Alpenengel, Kerzenengel, Engel mit Teelichthaltern, Schutzengel und Kindsengel, niedliche Putten mit Kopf und Flügeln, Erzengel, gewaltige Lichtgestalten mit vier oder sechs Flügeln oder gar mit Tierfüßen, Seraphim und Cherubim, Todes- und Racheengel, in denen der Zorn Gottes Gestalt angenommen hatte.
»Sie staunen über die vielen Engel?« fragte er. »Nicht wahr? – Entschuldigen Sie bitte, dass ich nicht aufgeräumt habe, aber ich konnte nicht wissen, dass ich so spät in der Nacht noch einen so reizenden Besuch wie Sie mit nach Hause bringe. – Aber nehmen Sie doch Platz.« Er deutete auf einen der Sessel. »Tja«, fuhr er am Türrahmen stehend fort, während sie sich durch die staubigen Engel hindurchkämpfte, langsam, damit sie keinen an- oder schlimmstenfalls umstieß. Man konnte ja nie wissen, was dabei alles aufstob: kleinste Lebewesen, die in ihren Mund gelangten und sich in ihren Nasenlöchern festsetzen konnten. Schuppen, Schorf und getrockneter Schleim. Sie wagte kaum zu atmen. »Ich betreibe einen kleinen Webshop. Mit den Engeln. Aber das Geschäft läuft nicht mehr so gut. Ich weiß nicht, warum. Am Anfang wurden mir die Engel noch regelrecht aus den Händen gerissen. Aber jetzt … Ganz anders ist es mit den Engelsessenzen.« Er deutete auf die kleinen, braunen Arzneifläschchen, die auf dem Fenstersims standen. »Das Geschäft boomt regelrecht.« Er räusperte sich, als sei es ihm unangenehm, darüber zu sprechen. »Aber was rede ich da? Es interessiert sie ganz sicher nicht.«
»Doch«, versetzte Marina schnell, die von so etwas noch nie gehört hatte. Sie war gerade am Bücherregal vorbeigekommen und musste einen Schritt zurücktreten, um keinen der Engel, die auf dem Boden herumstanden, umzustoßen. Dabei fuhr sie nur leicht mit dem Finger über das Regal. Staub! Überall. Zum Glück trug sie Handschuhe. Sie hielt die Luft an, nur kurz. »Reden Sie nur weiter«, sagte sie, »Was sind denn Engelsessenzen?« Sie war endlich am Sessel angekommen und setzte sich, aber behielt Handschuhe, Mantel und Jacke an.
»Engelsessenzen sind in Alkohol oder Wasser gebannte Energien, die von Engeln stammen. Sie verbreiten positive Schwingungen, die auch den Raum reinigen. Es handelt sich hierbei sozusagen um metaphysische Raumsprays.«
»Metaphysische Raumsprays«, wiederholte sie ungläubig und dennoch gespannt. Sie setzte sich in den Sessel. Das Blut pochte ihr bis in den Hals. Sollte sie sich in Beck getäuscht haben. War er doch kein Mann, der schmutzige Dinge tat? Ein feinsinniges Wesen etwa, wie sie selbst? Wenn er auch nicht von dem Getrampel einer Mücke in Ohnmacht fiel und von dem Geruch faulender Blumen Konvulsionen bekam … »Wie kommen Sie zu solchen Engelsessenzen?« fragte Marina jetzt voller Neugier. Sie hatte ein starkes Kratzen im Hals.
»Nun«, erwiderte Beck, der immer noch im Türrahmen stand. Er zögerte etwas mit der Antwort. »Ich füll ein kleines Fläschchen mit reinem Alkohol ab und bitte dann den entsprechenden Engel, die Flüssigkeit zu energetisieren. Jeder Engel steht für eine besondere Eigenschaft. Der Flascheninhalt färbt sich daher immer unterschiedlich ein. Wenige Tropfen dieser Essenz werden dann in einem eigenen Fläschchen mit destilliertem Wasser vermischt, weil es weniger Informationen trägt als das Quellwasser. Die geballte Ladung der Originalflasche könnte man gar nicht aushalten. Die Mischung und Anzahl der Tropfen wird immer individuell abgestimmt. Danach wird das Fläschchen energetisch versiegelt, so dass keine Fremdeinwirkung hinzukommen kann.«
»Kann das jeder machen?«, fragte sie immer noch neugierig.
»Ich denke nicht.« Beck kratzte sich an der Glatze. Sein Gesicht wirkte teigig. »Man muss es in sich spüren. Man muss die Fähigkeit besitzen, sich mit den Engeln und anderen unsichtbaren Wesenheiten verbinden zu können.«
Marina hörte gespannt zu, wurde unruhig in ihrem Sessel. »Und was geschieht …«, begann sie die Frage, wusste aber nicht, wie sie sie formulieren sollte. »Mit Engeln kenn ich mich nicht besonders aus. Engel oder Lichtgestalten haben doch, soweit ich weiß, nicht nur gute, sondern auch schlechte Eigenschaften.«
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Nichts besonders.« Sie begann zu stammeln. »Ich, ich will nur sagen, wenn ich mich hier umblicke, sehe ich auch Racheengel.« Sie schwieg eine Weile, bevor sie weiter sprach. »Und Racheengel haben doch auch böse Eigenschaften. Kommen auch diese Eigenschaften zum Tragen? Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will sagen: Auch Luzifer ist doch ein Engel oder war ein Engel.«
Es wurde einige Sekunden vollkommen still. Marina hörte ihr Herz schlagen.
»Sie wollen also fragen«, durchbrach Beck die Stille, indem er genauso stammelte wie zuvor Marina, »ob ich auch Essenzen von Luzifer habe?«
Marina nickte.
»Keine Angst. Ganz sicher nicht! Bisher habe ich nur mit reinen Engeln zu tun gehabt, die ganz von Liebe durchzogen waren. Unreine Engel kann ich mir gar nicht vorstellen. Obwohl es sie sicherlich gibt.« Beck stockte. Er wurde unruhig. Das Thema war ihm sichtlich unangenehm. »Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, ich habe Sie noch gar nicht gefragt, ob sie etwas trinken möchten? Ich mach mir einen Tee.«
»Nein, danke!« entgegnete sie. »Wasser wäre mir lieb.« Sie würde nicht lange bleiben. 

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